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23.11.2012

15:34 Uhr

Jürgens Weinlese

„Nichts ist schlimmer als ein leeres Weinglas“

VonJürgen Röder

Handelsblatt Online-Autor Jürgen Röder hat das kreative Chaos vier italienischer Weinregionen erlebt und erfahren, wo man gute Tropfen günstig kaufen kann – aber auch, von welchen Flaschen man die Finger lassen sollte.

Weinliebhaber Jürgen Röder.

Weinliebhaber Jürgen Röder.

Italien ist als Weinland immer eine Reise wert. Ich habe in den vergangenen Wochen „Bella Italia“ bereist, viele Winzer besucht und versucht zu ergründen, warum das Land so viel Wein produziert und exportiert. Denn Italien liegt an Platz eins, was den Verkauf seiner Weine in andere Länder angeht. 24,30 Millionen Hektoliter wurden 2011 von dort exportiert, mehr als beispielsweise Spanien und Frankreich in andere Länder verkauften.

Zum Vergleich: Deutschland liegt mit 7,10 Millionen Hektoliter auf Rang sieben in dieser Statistik. Ein Grund für Italiens Spitzenposition: die vielen italienischen Auswanderer und italienischen Restaurants weltweit, die als Patrioten lieber ihren italienischen Wein verkaufen.

Neben den vielen ausgezeichneten Tropfen ist das Geheimnis des italienischen Weins auch das kreative Chaos. Beispielsweise haben die Italiener die Bezeichnungen DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita) für Spitzenweine und DOC (Denominazione di Origine Controllata) für Qualitätsweine erfunden. Doch wie viele Spitzenweine es wirklich gibt, weiß keiner so genau, denn es gibt keine offizielle Liste.

Die Weine in Piemont

Barolo

Er zählt unter Weinkennern neben dem Brunello und dem Amarone zu den besten Rotweinen Italiens. Schon in den 1860er Jahren, zur Zeit der italienischen Einigung, galt der Barolo als Wein der Könige, und auch seit seinem erneuten Aufschwung ab zirka 1980 gilt er als Festtagswein. Im Gegensatz zu vielen anderen großen Rotweinen ist der Barolo kein Verschnitt, sondern wird zu 100 %, also sortenrein aus der Nebbiolorebe hergestellt.

Traditionell wurde der Wein früher bis zu 24 Tage lang mit Schalenkontakt in großen Eichenfässern, sogenannten botti, vergoren. Dadurch entsteht eine massive Konzentration von Fruchtaromen einerseits, aber auch ein extremer Tanningehalt. Die Tannine verlangen eine Alterung des Weines von 15 bis 20 Jahren. Heute wird der Schalenkontakt meist auf bis zu 17 Tage beschränkt. So ist der Wein bereits nach fünf bis sechs Jahren trinkbar.

Dennoch bleibt der Barolo ein sehr tanninhaltiger Wein, der sich dem Neuling nicht auf Anhieb erschließt. Um die Geschmacksintensität zu gewährleisten, ist die Produktion pro Hektar Anbaufläche begrenzt auf 80 Doppelzentner Trauben, entsprechend 52 Hektoliter Wein oder 6933 Flaschen Wein zu 75 cl. Die Mindestlagerzeit wurde auf zwei Jahre im Fass und ein Jahr in der Flasche heruntergesetzt und als Fassholz ist nicht mehr ausschließlich slawonische Eiche zulässig. Auch ist es jetzt möglich, den Barolo im Barrique (Holzfass mit 225 Litern Inhalt) reifen zu lassen.

Barbaresco

Beim Barbaresco handelte es sich in der Vergangenheit um einen besonders gerbstoffhaltigen Wein aus Nebbiolotrauben, der besonders seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts im Ausbau zunehmend kultiviert wurde. Er kommt aus der gleichnamigen Ortschaft und den Dörfern Treiso und Neive. Da er ebenso wie der Barolo zu 100 Prozent sortenrein aus der Nebbiolorebe hergestellt wird, wird er oft als „der kleine Bruder“ des Barolo bezeichnet.

Im Unterschied zum Barolo liegen die Hügel des Barbaresco etwas niedriger und haben eine andere Bodenbeschaffenheit, sodass der Wein weniger wuchtig und dafür samtiger wird. Eine Besonderheit unter den Winzern in und um Barbaresco ist die „Produttori“: ein lockerer Verbund von Winzern, die ihren Wein genossenschaftlich vermarkten, jedoch die einzelnen Winzer noch namentlich nennen. In einer umgebauten Kirche kann man zudem den Wein verschiedener Winzern probieren.

Nebbiolo

Die Nebbiolo-Traube gehört zu den am langsamsten reifenden Weinen überhaupt, aber damit auch zu denen, die ihre Qualität am längsten behalten. Der Name wird von nebbia (Nebel) abgeleitet und deutet auf den weißen Belag auf den Beeren hin, der sich bei Vollreife bildet. Wenn die dickschalige und kleinbeerige Sorte reif wird, kommt es häufig vor, dass Nebel die Hügel bedeckt. Deshalb gibt es bei Nebbiolo-Weinen an sich sehr große Jahrgangsschwankungen, je nachdem, wie der Herbst ausfällt.

Nebbiolo wurde vermutlich seit der Antike im Hügelland des Monferrato und der Langhe angebaut. Die Rebe hat so hohe Bedeutung erlangt und ist so begehrt, dass sie zur Nobilität der Weinwelt gezählt wird und als Edelrebe bezeichnet wird. Nebbiolo gehört zu den anspruchsvollsten Rebsorten, was Boden und Lage betrifft. Sie gedeiht praktisch nur auf kalkhaltigen Mergelböden und verlangt steile Süd- oder Südwestlagen.

Wegen dieser extremen Ansprüche wurden die Sorte wohl bisher nicht in den Überseegebieten gekeltert. Es fehlt an den nötigen perfekten Lagen. Die bekanntesten Nebbiolo-Weine, die sortenrein vergoren werden, sind: Barolo, Barbaresco, Roero und Nebbiolo d’Alba.

Barbera

Barbera ist eine hochwertige rote Rebsorte aus dem Piemont, wo sie schon im 13. Jahrhundert im Monferrato angebaut wurde. Sie ist heute in ganz Italien verbreitet und gilt als anpassungsfähig und ertragstark. Dort belegt sie knapp 28.300 Hektar Rebfläche (Stand 2000, Quelle Ismea ISTAT 2003) und rangiert damit nach der Sangiovese und dem Montepulciano auf dem dritten Platz unter den roten Sorten. Noch Anfang der 1990er Jahre betrug die Fläche allein in Italien mehr als 47.000 Hektar.

Die aus der Barbera-Traube gekelterten Weine gelten als kraftvoll, mit ausgeprägten Pflaumen-Aromen, geringem Tannin mit vollem „Körper“ und einer tief-rubinroten Farbe. Ihren „Körper“, also ihre kräftige Säure, behalten sie selbst bei Aufwuchs in heißem Klima, wo sie auf bis zu 14 Prozent Alkohol kommen. Große Mengen der Ernte gehen jedoch in die Herstellung eines leichten Rotweins, der leicht sprudelnd (als frizzante ausgebaut) im Sommer als erfrischender Durstlöscher dient.

Große Überschüsse, speziell in den achtziger Jahren, sinkende Qualität und damit verbundene niedrige Preise beschädigten den Ruf dieser Sorte. Mittlerweile hat man sich wieder auf vernünftige Mengen und vor allem auf eine sorgfältige Pflege der Barbera besonnen. Speziell aus dem Piemont, wo die Barbera noch stets die verbreitetste Rebsorte ist, kommen wieder hochwertige Weine, darunter die bekannten DOCs Barbera d’Alba, Barbera d’Asti und Barbera del Monferrato.

Im Allgemeinen wird die Barbera-Traube nur in diesen drei Regionen als sortenreiner Wein ausgebaut. In vielen anderen Regionen Italiens wird sie aber als Verschnittpartner verwendet, zum Beispiel in den DOCs Bardolino, Cerveteri, Colli Perugini, Falerno del Massico und Molise, sowie in zahlreichen Tafelweinen.

Dolcetto

Dolcetto ist eine rote Rebsorte und heißt übersetzt „der kleine Süße“ und wird auch als Douce noir bezeichnet. Dolcetto-Trauben liefern einen intensiv rubinroten Wein mit leichter Tendenz zu Granat-Tönen in der Alterung. Trocken und weich ausbalanciert besticht er mit einer angenehmen, leicht bitteren Mandelnote. Optimal zu genießen sind die Weine meist ab einem Jahr der Alterung.

Einige Experten vermuten den Ursprung der Traube in Frankreich, wahrscheinlicher ist jedoch ihr Ursprung im Monferrato um das Jahr 1000. Die systematische Kultivierung darf im Mittelalter angenommen werden.

Roero

Der rote Roero besteht fast ausschließlich aus Nebbiolo mit geringen Zusätzen der Rebsorte Arneis (maximal 5 Prozent). Der Wein reift beim Hersteller acht bis zwölf Monate vor der Vermarktung und kann zwei bis vier Jahre beim Käufer lagern. Der Sandboden verleiht dem Wein einen leichteren Charakter als den anderen Nebbioloweinen in der Langhe wie zum Beispiel Barolo.

Arneis

Arneis ist eine weiße Rebsorte. Sie ist sehr alt, säurearm und war schon im 15. Jahrhundert unter den Bezeichnungen Renesium und Ornesio bekannt. Sie wird in Italien, ausschließlich im Piemont angebaut, weshalb sie auch als „Barolo bianco“ bezeichnet wird. Aus ihr wird in der Provinz Cuneo der DOCG Roero Arneis und in der Provinz Alba der DOC-Wein Langhe Arneis hergestellt. Im lokalen Dialekt des Piemont bedeutet Arneis die kleine Schwierige.

Sie galt bereits als fast ausgestorben, als sie in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde und seitdem eine Renaissance erlebt. In der Vergangenheit diente die Sorte auch als Verschnittpartner des Nebbiolo. Mit Aromen von Mandel, grünem Apfel, Birne und Melone muten die besseren Arneis-Weine wie eine Mischung von Gewächsen der Rebsorten Sauvignon Blanc und Viognier an.

Aber es gibt rund eine Millionen landwirtschaftliche Betriebe, die Wein anbauen, mehr als 300.000 Keller und 45.000 Betriebe, die Wein abfüllen. Insgesamt sind zirka 1.000 Rebsorten in den verschiedenen Regionen registriert. Oder so ähnlich. So ganz genau wissen das auch die Italiener selbst nicht. Die italienischen Weinregionen reichen von Südtirol bis Sizilien und könnten nicht unterschiedlicher sein.

Vier ganz verschiedenen Weinregionen habe ich besucht: Piemont, Toskana, Apulien und Basilikata. Die zahlreichen Weinverkostungen waren ein Erlebnis, und eines hatten sie gemeinsam: Alle Winzer waren stolz auf ihr Produkt. Ein deutschsprachiger Winzer scherzte bei einer Verkostung: „Es gibt im Leben nichts Schlimmeres als ein leeres Weinglas“, und schenkte mir gleich nach. In jeder der vier Regionen habe ich viel entdeckt – auch manches Schnäppchen.

Kommentare (1)

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Wein-Amateur

23.11.2012, 16:52 Uhr

Die Exportmenge aus Italien liegt nicht unbedingt nur an den Italienischen Restaurants weltweit. Erhebliche Mengen einfachster Qualität werden in Deutschland zu Sekt verarbeitet (Rotkäppchen und Konsorten lassen grüßen).

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