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23.03.2014

09:19 Uhr

Jürgens Weinlese

„Tolles Sortiment allein reicht nicht mehr“

VonJürgen Röder

Michael W. Pleitgen, Experte für Weinmarketing, in einem Interview über die finanzielle Lage des Weinfachhandels und dessen große Herausforderungen. Und warum ihn viele 50-Jährige anrufen.

Verkostung: Der Weinfachhandel steht vor großen Herausforderungen. Vielen Geschäfte sind zu klein, um sich gegen die Supermärkte zu behaupten. dpa

Verkostung: Der Weinfachhandel steht vor großen Herausforderungen. Vielen Geschäfte sind zu klein, um sich gegen die Supermärkte zu behaupten.

Als ehemaliger Verkaufsleiter der Hawesko-Kette Jacques' Wein-Depot und als Dozent kennt Michael W. Pleitgen die Weinbranche sowohl von der theoretischen als auch von der praktischen Seite. Und er spricht in dem Interview auch Klartext.

Wie geht es denn dem Weinfachhandel?
Meiner Meinung nach eher durchwachsen. Vielen geht es gut, vielen anderen aber schlecht. Nach den guten Zahlen des Jahres 2012 hat der Fachhandel im letzten Jahr  wieder Marktanteile verloren. Aktuell hat er einen Mengenanteil von sieben Prozent und einen Wertanteil von 15 Prozent im Weinmarkt. Seit Jahren sinkt die Absatzmenge leicht, während  die Preise kontinuierlich steigen.  In den nächsten Jahren wird sich die Spreu vom Weizen trennen: in professionelle Fachhändler und die, die einfach nur ein Faible für Wein haben. Um sich den Herausforderungen der nächsten Jahre wie Verbesserung der Standorte, Erlebniseinkauf und Aufbau eines Online-Geschäftes zu stellen, braucht man eine gewisse Größe. Denn hier kommen Investitionen auf den Handel zu.

Werden solche kleinen, nicht professionellen Fachgeschäfte dann vom Markt verschwinden?
Viele von Ihnen werden schließen, doch insgesamt stirbt diese Art von Geschäften nicht aus. Der Herausgeber des Berliner Weinführers, Norbert Pobbig hat letzthin vorgerechnet, dass in den vergangenen 15 Jahren allein in Berlin rund 350 Weinfachgeschäfte auf oder zu gemacht haben. Es ist nicht zu glauben, wie viele 50-Jährige bei mir anrufen, die in den vergangenen Jahren viel Geld verdient haben und jetzt einen Weinhandel eröffnen wollen. Denen sage ich: Fahren Sie doch lieber in Urlaub, geben dabei ihr Geld für Wein aus und haben Spaß. Aber eröffnen Sie keinen Weinhandel! Man sieht: Wein ist ein emotionales Produkt.

Wie sieht die finanzielle Lage der Fachhändler aus?
Der jährliche Umsatz des Weinfachhandels – ohne Discounter und Supermärkte – liegt bei  etwa einer Milliarde Euro. Rund zwei Drittel davon erzielen die Top Ten. Dazu gehören Anbieter wie Jacques‘, Hawesko-Versand, Wein und Vinos - die alle zum Hawesko-Konzern gehören – aber auch Mövenpick, Rindchen oder Vino. Von den rund 2000 Weinfachhändlern zählen 500 zu dieser Art von Systemhandel. Also teilen sich  1.500 Geschäfte den Rest,  rund 340 Millionen Euro. Macht 230.000 Euro pro Geschäft pro Jahr. Bei einer Marge von 45 bis 50 Prozent bleiben zwischen 100.000 bis 115.000 Euro. Davon müssen Ladenmiete, Strom, Heizung,  die  Gehälter von Angestellten, Werbung usw. abgezogen werden. Und auch der Inhaber möchte noch etwas verdienen.  Das ist aber nur eine Durchschnittsrechnung, viele machen weniger Umsatz und realisieren eine geringere Marge. Für Investitionen bleibt da nicht viel übrig.

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