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05.05.2011

16:26 Uhr

Lena vor der Titelverteidigung

Das Fräuleinwunder vor der Nagelprobe

Am 14. Mai tritt Lena Meyer-Landrut beim Eurovision Song Contest in Düsseldorf an. Vor einem Jahr konnte sie dort mit mädchenhaftem Charme überzeugen, nun sind andere Qualitäten gefragt - es lauern Fallstricke.

DüsseldorfVor einem Jahr war Lena Meyer-Landrut noch der Liebling der Nation. Nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest machten Begriffe wie „Lena Nazionale“ und „neues deutsches Fräuleinwunder“ die Runde. Der „Spiegel“ mutmaßte gar: „Lenas Gesicht ist offensichtlich auch das Gesicht eines neuen Deutschland.“ Mit ihrer Unbeschwertheit diente die 19-Jährige als Projektionsfläche für eine junge, lockere und lebensbejahende Generation.

Zwölf Monate später ist der überschwängliche Freudentaumel einer Ernüchterung gewichen. Auf ihrer ersten Tournee waren die großen Hallen der Republik nur zur Hälfte gefüllt. Die TV-Quoten des Vorentscheids mit drei Shows und zwölf Lena-Songs waren mittelmäßig. Und ihre überdrehte, flapsige Art wirkt auf viele Beobachter nicht mehr natürlich und spontan, sondern aufgesetzt und berechnend. Als Lena im März den Echo für die erfolgreichste Newcomerin und beste deutsche Künstlerin bekam, wurde ihre Dankesrede aus dem Publikum sogar mit einem unfreundlichen „Aufhören“ quittiert.

Seit 15 Monaten steht Lena Meyer-Landrut im Fokus der deutschen Öffentlichkeit. Die damals 18-Jährige hatte sich bei Stefan Raabs Castingshow „Unser Star für Oslo“ beworben und schaffte es prompt in die Top-Ten-Sendung. Juror Marius Müller-Westernhagen zeigte sich sofort begeistert von Lena. „Du hast Star-Appeal. Die Menschen werden dich lieben“, sagte er.

Die wichtigsten Fragen zum ESC

Was ist eigentlich der ESC?

Im Jahr 1955 beschloss die Europäische Rundfunkunion (EBU) - ein Zusammenschluss der staatlichen und öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten diesseits des Eisernen Vorhangs - ein gemeinsames Projekt: den Grand Prix of the Eurovision. 1956 wurde der Musikwettbewerb dann erstmals in der Schweiz veranstaltet - mit sieben Ländern.

Wieso heißt es nicht mehr Grand Prix?

Der Wettbewerb hat viele Namen: Das deutsche Fernsehen nannte ihn anfangs Grand Prix Eurovision de la Chanson oder auf Deutsch Großer Preis der Eurovision, die erste Ausgabe in Lugano hatte den italienischen Titel Gran Premio Eurovisione Della Canzone Europea. Schon 1960 hieß der Wettbewerb in Großbritannien Eurovision Song Contest, 1992 wurde dieser Titel international vereinheitlicht.

Wo findet der ESC statt?

Nach den ersten drei Wettbewerben in der Schweiz, in Deutschland und den Niederlanden (1956/1957/1958) wurde die Regel eingeführt, dass das Siegerland den nächsten ESC ausrichten darf. Doch in der Vergangenheit wurde auch schon auf diese Ehre verzichtet - unter anderem wegen der hohen Kosten. Die Niederlande (1960), Frankreich (1963), Monaco (1972) und Luxemburg (1974) ließen Großbritannien ran; Israel überließ 1980 den Niederlanden den Grand Prix.

Hauptstadt oder Provinz?

Der ESC-Zirkus gastiert gerne mal außerhalb der großen Metropolen: So siegte Nicole 1982 in Harrogate und Guildo Horn hatte 1998 alle lieb in Brighton. Die Hauptstädte sind bei den Austragungsorten jedoch in der Mehrheit - 35:21 steht es derzeit, wobei sich Deutschland gegen den Trend stellte. Für das Finale am 14. Mai 2011 wurde Düsseldorf gewählt, und auch die Wettbewerbe 1983 und 1957 fanden nicht in der Hauptstadt, sondern in München und Frankfurt am Main statt.

Wie viele Länder haben bisher teilgenommen?

Insgesamt 49 Länder finden sich in den Ergebnislisten des ESC, darunter auch Kleinstaaten wie Andorra, Monaco und San Marino. Marokko ist das einzige afrikanische Land, das bislang mitmachte (1980). In diesem Jahr sind 43 Länder dabei, so viele Teilnehmer gab es bisher nur im Jahr 2008.

Hat schon mal jemand wie Lena versucht, seinen Titel zu verteidigen?

Ja, Titelverteidigungsversuche gab es bereits, aber keiner war erfolgreich. Die Siegerin des ersten Grand Prix 1956, die Schweizerin Lys Assia, trat 1957 nochmals an - und wurde Vorletzte. Und die Gewinnerin des 1957er Wettbewerbs, Corry Brokken aus den Niederlanden, wurde im Folgejahr sogar Letzte. Allerdings gibt es einen Teilnehmer, der zweimal gewonnen hat: Johnny Logan holte 1980 und 1987 den Titel für Irland.

Gibt es Top- und Flop-Nationen?

Ja, eindeutig. Irland ist mit sieben Siegen top, auch wenn der letzte Gewinn 17 Jahre zurückliegt; Deutschland ist bei den Teilnahmen top, 55 Mal war die Bundesrepublik dabei. Großbritannien ist Top-Gastgeber, acht Mal war der ESC auf der Insel zu Gast. Als Flop-Länder kann man wohl die bezeichnen, die nie gewonnen haben - das sind immerhin 24 von 49 Teilnehmern. Und von denen die schlechtesten sind Andorra, Montenegro und San Marino, sie haben insgesamt null Punkte auf ihrem Eurovisions-Konto. Noch eine Stufe tiefer geht es nur für Tschechien: Bei drei Teilnahmen 2007, 2008 und 2009 wurde nie das Finale erreicht.

Auch die Fernsehzuschauer mochten die quirlige Hannoveranerin. Sie wollten Lena auf der großen europäischen Bühne für Deutschland singen sehen und entschieden sich für die damalige Abiturientin. Sie selbst kommentierte den Finalsieg im Vorentscheid auf ihre eigene Art: „Das ist verdammt derbe.“

In Norwegen angekommen entwickelte sich die von Raab ausgerufene „nationale Aufgabe“ zu einem Selbstläufer. Lena eroberte im Sturm die Sympathien der anderen Teilnehmer und Buchmacher handelten sie als Topfavoritin. Der alles entscheidende Moment kam am 29. Mai um 22.35 Uhr. In einem schlichten schwarzen Kleid und mit tiefrotem Lippenstift betrat Lena die Bühne. Ihr oftmals kritisierter Tanzstil wirkte statisch und unkoordiniert. Das mädchenhafte Lächeln in ihrem Gesicht verriet aber: Lena fühlte sich wohl und hatte Spaß.

Kommentare (1)

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Sophokles

05.05.2011, 17:25 Uhr

Es ist mehr als fragwürdig, die Karriere der Künstlerin mit einem zweiten ESC Sieg zu verknüpfen. Vor Lena wäre jede TOP 10 Platzierung als Erfolg gefeiert worden, jetzt klingt es, als ob schon Platz 2 ein Versagen bedeutet.
Auch wird bei keinem anderen Konzert, bei dem mehr als 5000 Besucher anwesend sind, dem betreffenden Künstler dann schon hämisch vorgehalten, dass die Halle nicht ausverkauft war.
Leider übernehmen viele Artikel unreflektiert und unrecherchiert Schlagzeilen, die durch das Web geistern und verstärken so jeden Hype oder jeden Anti-Hype.
Eine neutrale Betrachtung findet man mittlerweile leider viel zu selten.

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