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10.05.2015

12:36 Uhr

Mikronationen

Der Trend geht zum Zweitland

VonStefan Kreitewolf

Willkommen in Liberland: Ein Tscheche hat einen Staat gegründet und sich selbst zum Präsidenten wählen lassen. Weltweit gibt es unzählige Mikroländer, die aber nicht völkerrechtlich anerkannt sind – auch in Deutschland.

Seit 1971 existiert die autonome Gemeinde Christiania in Kopenhagen. Der dänische Staat duldet die 34 Hektar große Enklave im Hauptstadtteil Christianshavn. ap

Freistadt Christiania

Seit 1971 existiert die autonome Gemeinde Christiania in Kopenhagen. Der dänische Staat duldet die 34 Hektar große Enklave im Hauptstadtteil Christianshavn.

EssenSie sind klein und ziemlich seltsame Gebilde, die von ziemlich seltsamen Leuten gegründet wurden. Ernst nimmt sie niemand – aber sie sehen toll aus: Willkommen im Kosmos der Mikronationen. Oft bestehen diese Pseudoländer aus nicht mehr als einer Ranch, einem Haus oder einem Hof. Diese Zwergstaaten sind zwar völkerrechtlich nicht anerkannt, dennoch werden sie immer mehr.

Jüngst gründete der tschechische Euroskeptiker Vit Jedlička seinen eigenen Staat namens „Liberland“ an der Grenze zwischen Kroatien und Serbien. Direkt nach der Staatsgründung ließ er sich zum Präsidenten wählen. Gornja Siga, wie der Ort zuvor offiziell hieß, war bis zu Jedličkas Machtübernahme Niemandsland. Bis dahin vergessen von der Welt, umfasst das Gebiet am serbischen Westufer der Donau rund sieben Quadratkilometer.

Nun will Jedlička Interessierte einbürgern, Pässe drucken und Münzen prägen. Das Beispiel zeigt: Mikrostaaten sind oft nicht mehr als ein politischer Protest gegen herrschende Zustände. Getreu dem Motto: Keine Lust mehr auf Steuern oder die nervigen Regeln der Straßenverkehrsordnung, dann gründe ich eben meinen eigenen Staat.

Jedlička schwimmt politisch übrigens ganz auf der Welle der US-amerikanischen Tea-Party-Bewegung. Der gescheiterte Politiker steht ein für einen möglichst schlanken Staat und die Unantastbarkeit des Eigentums. Praktisch, dass der Staat nun ihm gehört. Dass er Zuwanderung in „Liberland“ rigoros beschränken will, passt da nur ins Bild.

Sieben skurrile Mikrostaaten

Sealand (Großbritannien)

Sealand liegt, wie der Name bereits verrät, mitten im Meer. Das Staatsgebiet der Mikronation umfasst die ehemalige britische Seefestung Maunsell. Das „Fürstentum“ liegt etwa zehn Kilometer vor der Küste von England in der Nordsee.

Conch Republic (USA)

Die sogenannte Conch Republic ist eine Mikronation, die am 23. April 1982 durch die Loslösung Key Wests und einigen benachbarten Inseln von den USA gegründet wurde. Am Flughafen von Key West empfängt das Schild „Welcome to the Conch Republic“ Reisende in dem Zwergstaat.

Alcatraz (Italien)

In Alcatraz leben keine Gefangenen, sondern eine kleine Gemeinschaft von Menschen, die Bäume schützt und das Leibeswohl zelebriert. Der Scheinstaat im italienischen Umbrien besitzt eine eigene Währung und Briefmarken. Eine Grundregel der Alcatraz-Bewohner: „Auch Ameisen haben Rechte.“

Fürstentum Hutt River (Australien)

Seit dem 21. April 1970 gibt es das Fürstentum Hutt River. Der Scheinstaat im äußersten Westen des australischen Kontinents wurde von dem Landwirt Leonard George Casley gegründet. Er ist der Eigentümer des 75 Quadratkilometer großen Staatsgebiets. Die australische Regierung verweigert dem Fürstentum zwar die formale Anerkennung als unabhängiger Staat, Hutt River ist dennoch beliebt bei Touristen aus aller Welt.

Republik Kugelmugel (Österreich)

In Wien liegt die Republik Kugelmugel. Das orangefarbene Kugelhaus aus Holz misst gerade einmal acht Meter im Durchmesser. Staatsgründer ist der Künstler Edwin Lipburger, der auch als Staatspräsident auftritt. Lipburger weigert sich Steuern an die österreichischen Finanzbehörden zu zahlen, was ihm bereits viel Ärger und schlechte Presse eingebrockt hat.

Freistadt Christiania (Dänemark)

Mitten in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen entstand vor mehr als vier Jahrzehnten aus einem alten Kasernengelände eine alternative Siedlung, die sich heute zu einer grünen Wohnumgebung für Familien, Künstler und Freidenker entwickelt hat. Mittlerweile dulden die dänische Behörden Christiania als autonomes Gebiet.

Königreich Deutschland (Deutschland)

Das Königreich Deutschland ist eine Mikronation, die im September 2011 vom Esoteriker Peter Fitzek in der Lutherstadt Wittenberg gegründet wurde. Fitzek sieht sich als Oberhaupt des von ihm selbst gegründeten Staates. Er betrieb ohne Erlaubnis der BaFin eine eigene Bank und mehrere Versicherungen.

Dennoch sollen sich bereits mehr als 300.000 Menschen um einen liberländischen Pass beworben haben, sagt Jedlička. Dumm nur, dass Mikrostaaten nicht mehr sind, als eine besonders skurrile Idee einiger Größenwahnsinniger. Denn ihnen fehlt etwas Grundsätzliches: demokratische Legitimität. Das Völkerrecht schließt die Gründung eines Staates im Alleingang aus. Allein der Besitz eines Territoriums reicht nicht für eine Staatsgründung aus.

„Liberland“ gibt es also offiziell gar nicht. Jedličkas Staat ist nur ein weiteres Mosaikteilchen im Kuriositäten-Kabinett der Staatengemeinschaft. Schließlich gilt einzig und allein die Anerkennung nach dem Völkerrecht als Legitimation für eine Staatsgründung. Doch anerkannt wurde „Liberland“ bislang von keinem souveränen Staat.

Jedličkas Protest-Projekt ist kein Einzelfall: Scheinstaaten mit einem eigenen Staatsgebiet, eigener Staatsflagge und pseudo-offiziellen Pässen gibt es überall auf der Welt – und sie sind beliebt wie nie zuvor. Fantasiestaaten bevölkern die Landkarten. Vielerorts gilt: „Mein Haus, mein Auto, mein Staat“.
In der Bundesrepublik ist das „Königreich Deutschland“ im sachsen-anhaltinischen Wittenberg das wohl bekannteste Zwergland. Gegründet vom Esoteriker und Polit-Aktivisten Peter Fitzek ist das acht Hektar große ehemalige Krankenhaus-Gelände seit September 2012 ein selbsternanntes Land. Der Ministaat spiegelt den Größenwahn seines Gründers wider: Fitzek ließ sich zum „Imperator Fiduziar“ krönen. Eines seiner Bonmots lautet: „Ich mache keinen Spaß, ich mache Staat“.

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