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22.06.2011

09:54 Uhr

"Nazi-Affäre"

Designer John Galliano droht Gefängnis

Erst gefeiert, dann gefeuert, jetzt vielleicht verurteilt. Die „Nazi-Affäre“ um John Galliano steht vor ihrem Höhepunkt. Der britische Designer steht vor Gericht, seinen Job ist der einstige Star bereits los.

Einst gefeiert, dann nach der "Nazi-Affäre" gefeuert: der ehemalige Dior-Chefdesigner John Galliano. Quelle: dpa

Einst gefeiert, dann nach der "Nazi-Affäre" gefeuert: der ehemalige Dior-Chefdesigner John Galliano.

„I love Hitler“: Mit drei von einer Handykamera aufgenommenen Worten ruinierte der britische Modeschöpfer John Galliano im vergangenen Winter seine Karriere. An diesem Mittwoch muss sich der 50-Jährige wegen angeblicher ähnlicher Äußerungen vor einem Pariser Strafgericht verantworten. Ein Paar und eine Frau haben den ehemaligen Dior-Designer angezeigt. Er soll sie in einer Brasserie übelst beschimpft haben. „Dreckiges Judengesicht“, ist einer der Ausdrücke, die Galliano vorgeworfen werden. Auf öffentliche rassistische Beleidigungen stehen in Frankreich bis zu sechs Monate Haft und 22.500 Euro Geldstrafe.

Wird der Prozess der traurige Schlussstrich unter einer großen Karriere sein? Oder steht am Ende vielleicht doch noch die Chance für einen Neuanfang? Das ist die große Frage, die sich die Modewelt in diesen Tagen stellt. Kaum einer glaubt nämlich, dass der Exzentriker Galliano wirklich ein Hitler-Verehrer und Judenhasser ist.

Wichtige Stationen im Leben des John Galliano

Herkunft

John Galliano wird als Juan Carlos Antonio Galliano am 28. November 1960 in Gibraltar als Sohn des britischen Installateurs John J. Galliano und der Spanierin Anita Guillen geboren. 1966 emigriert er mit seinen Eltern und zwei Schwestern nach London.

Erste Schritte

1984 graduiert Galliano im Fach Design an der St. Martin's School of Art in London. Er macht sich als Designer selbständig, er wird Partner des vermögenden dänischen Geschäftsmann Peder Bertelsen, mit dem er die erste gemeinsamen Kollektion präsentiert. Seine ersten Entwürfe sind allerdings derart extravagant, dass sie sich als unverkäuflich erweisen.

Auszeichnungen

1987 gewinnt Galliano den "British Designer of the Year"-Award 1987 und macht erstmals international auf sich aufmerksam. Später wird er noch zweimal, 1994 und 1995, mit dem Preis ausgezeichnet. 2001 verleiht ihm die Queen den Titel "Commander of the British Empire", eine der höchsten Ehrungen Großbritanniens, für seine Leistungen in der Modewelt.

Der Durchbruch

Der Durchbruch gelingt ihm Mitte der 1990er. Er entwirft 1992 die Kostüme für Kylie Minogues Tournee “Let’s Get to It“. Galliano feiert mit seinen ausgefallenen Kreationen große Erfolge bei den Modeschauen in Paris. 1994 bezieht er ein Atelier bei der Pariser Bastille-Oper.

Engagement bei Givenchy

John Galliano wird Chefdesigner des Hauses Givenchy. Er entwirft pro Jahr von zwei Prêt-à-porter- und zwei Haute-Couture-Kollektionen.

Wechsel zu Dior

Zwei Jahre später löst er Gianfranco Ferré als Chefdesigner bei Christian Dior ab und schneidert für das Modehaus die Haute-Couture. Zuletzt erntete er positive Kritiken mit seiner Damenkollektion Herbst/Winter 2007/8, die aus schillernden und aufwendigen Roben bestand.

Entlassung

Einst gefeiert, dann gefeuert: Im März 2011 wirft Dior Galliano raus. Die britische "Sun" hatte ein Amateurvideo veröffentlicht, das im Oktober 2010 gemacht wurde und den Designer bei antisemitischen Hasstiraden zeigt.

„Alles, was er bislang geleistet hat, zeigt, dass er kein Rassist ist. Im Gegenteil“, kommentierte Designerkollege Jean-Paul Gaultier.

„Es ist traurig, denn er hat viel Talent“, fügte er hinzu. „Wir haben beobachtet, wie er Schritt für Schritt seit dem Tod seines engsten Mitarbeiters abbaute und sich in den Alkohol flüchtete“, sagte jüngst Modeschöpfer Christian Lacroix. Er lebt nur ein paar hundert Meter entfernt von Gallianos Wohnsitz im Pariser Schwulen- und traditionellen Judenviertel Marais.

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