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18.06.2015

18:15 Uhr

Pferderenne in Ascot

Das königliche Hütchenspiel

VonCarsten Herz

Beim berühmten Pferderennen im britischen Ascot geht nur vordergründig um Pferdewetten. In erster Linie dreht es sich darum, High-Society-Damen die Vorführung möglichst gewagter Hutmodelle zu ermöglichen.

Es steht der Hut im Mittelpunkt, nicht das Pferd. Reuters

Ladies Day in Ascot

Es steht der Hut im Mittelpunkt, nicht das Pferd.

LondonDie Regel ist klar und unmissverständlich. „Hüte müssen getragen werden“, steht auf dem Anmeldeformular für die Galopprennrennwoche in Ascot ausdrücklich. Weiter unten folgt der dezente Zusatz, dass sich der Träger der Anstecknadel, die zum Einlass auf die königliche Tribüne berechtigt, zur Einhaltung der Kleidervorschrift verpflichtet. Es mag wie eine kleine Formalie klingen. Doch in Wirklichkeit verbirgt sich hinter dieser Vorgabe der tiefere Grund des königlichen Pferderennens in Ascot, das an diesem Dienstag traditionell von der Queen mit einer Kutschfahrt entlang der Rennstrecke eröffnet wird.

Denn wer glaubt, dass es bei der prestigeträchtigen Veranstaltung in erster Linie um Pferde und Wetten darauf geht, hat von Großbritannien wenig verstanden. Beim Rennen von Ascot in der britischen Grafschaft Berkshire zählen für die britische Oberschicht statt dessen vor allem die drei magischen H: High Society, High Heels und die Hüte der Damen – und zwar je extravaganter desto besser.

Hütchenspiele an der Rennbahn. Außenstehende könnten vermuten, dass es sich bei dem Traditionstreffen in Ascot um einen steifen, hochvornehmen Anlass handelt, bei dem es so fröhlich zugeht wie beim Jahrestreffen des Verbandes der Bestattungsunternehmer. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Wie so viele englische Sommervergnügen ist Ascot eine ausgesprochen feucht-fröhliche Angelegenheit, deren Hauptzweck neben dem Genuss von Alkohol im Freien vor allem darin besteht, der Damenwelt die Vorführung möglichst gewagter Hutmodelle zu ermöglichen. „Viele Drinks und ein paar Wetten“, so fasst eine Bankerin die Ereignisse auf der königlichen Rennbahn treffend zusammen.

Die Hutmode gilt als einer der Hingucker, besonders am besucherstärksten Renntag. AFP

Fototermin

Die Hutmode gilt als einer der Hingucker, besonders am besucherstärksten Renntag.

Doch Hut ist nicht gleich Hut in Ascot. Für Männer in der Royal Enclosure, dem königlichen Ehrengastbereich, gilt Zylinderpflicht. Bei den weiblichen Renngästen wacht der Repräsentant Ihrer Majestät in seiner Rolle als Lordsiegelbewahrer für Etikette darüber, dass „die Basis der Kopfbedeckung einen Durchmesser mindestens von vier Zoll oder zehn Zentimetern hat“. Kopfschmuck beträchtlichen Ausmaßes ist also nicht nur erwünscht, sondern sogar eine unabdingbare Voraussetzung für Royal Ascot, den fünftätigen gesellschaftlichen Höhepunkt im englischen Sommerkalender. Vor allem am Ladies‘ Day, der dieses Jahr am Donnerstag ansteht, beweist die furchtlose britische Damenwelt, welch kühne Vielfalt sie aus den Hutvorschriften zu entwickeln vermag. So ist außerhalb der königlichen Loge auch der sogenannte Fascinator bei der Damenwelt äußerst beliebt, das ist eine Art Haarreifen mit wilden Gefussel dran.

Auch für Herren im königlichen Gastbereich gelten strenge Kleidervorschriften. Der Herr hat Stresemann und Zylinder zu tragen - und diesen nur beim Essen oder in geschlossenen Räumen abzusetzen. Eingebrockt hat den Briten das ganze Hut-Theater einer der berühmtesten Vertreter des Dandytums, George "Beau" Brummell. Als enger Freund und Berater des damaligen Prinzregenten verpasste er Ascot um 1800 eine zeitgemäße Kleiderordnung, die grundsätzlich so auch immer noch gilt. Demnach müssen die Herren im „Morning Dress“ und die Damen in „respektabler Kleidung und mit Hut“ erscheinen. Für das schnöde Fußvolk auf der 2006 für 220 Millionen Pfund sanierten Haupttribüne reichen jedoch auch Hemd und Krawatte.

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