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15.01.2010

09:07 Uhr

Rebsorte

Aufgeklärte Genießer entdecken die Scheurebe

VonPit Falkenstein

Bei Pit Falkenstein geht es heute um die Scheurebe. Die Rebsorte wurde in einer Notsituation gezüchtet, sie riecht mitunter wie die Hinterlassenschaften eines liebestollen Katers und stand lange für alles Schlechte aus Rheinhessen. Doch die Scheurebe wird zu Unrecht verachtet. Ein Winzer zaubert daraus ein Juwel.

Weinexperte Pit Falkenstein. Quelle: Pressebild

Weinexperte Pit Falkenstein.

KÖLN. Die Scheurebe gehört zu Rheinhessen wie das Etikett zur Flasche. Dr. Georg Scheu hat diese Sorte Anfang des vorigen Jahrhunderts gekreuzt aus Riesling und einer heute nicht mehr feststellbaren Wildrebe. Der damalige Leiter der Wein-Forschungsanstalt in Alzey wollte notleidenden Winzern helfen. Seine berühmteste Züchtung, auch Sämling 88 genannt, brachte selbst in minderen Lagen viel und reifen Most. Dass der Wein mitunter wie die Hinterlassenschaften eines liebestollen Katers roch, wurde hingenommen.

In den Siebzigern stand die Scheurebe für alles Schlechte aus Rheinhessen. Heute haben die meisten Weinfreunde für derlei Lieblichkeiten nur noch Verachtung übrig. Aufgeklärte Genießer jedoch entdecken die alte Kreuzung wieder. Wenn die Reben in ein vernünftiges Alter kommen, dann können sie - Winzerkunst vorausgesetzt - bezaubernde Tropfen bringen.

1982 legte Edmund Winter in Dittelsheim einen neuen Weingarten mit Scheurebe an, in bester Lage am Kloppberg nahebei. Zu dem Zeitpunkt war der Höhepunkt der süßen Welle in Rheinhessen bereits überschritten. Es gab zwei riesige Ernten hintereinander, die Preise verfielen. Ringsherum hieben seine Kollegen die bis dahin so erfolgreiche Sorte aus. Für Winter wäre es wirtschaftlicher Unfug gewesen, die junge Anlage gleich wieder aufzugeben. Er brachte es nicht übers Herz, den prächtigen Weinberg zu roden.

Inzwischen war Sohn Stefan heran gewachsen und erklärte ohne Umstände, dass er Winzer werden wolle. Der Junge begann eine Lehre beim Weingut Klaus Keller, dem besten Betrieb der Region. Er brachte ständig neue Ideen mit. Der Vater, damals Anfang 40, ließ sich nur zu gerne anstecken.

Die Marschrichtung war klar: Edmund Winter gab den Verkauf von losem Wein an große Kellereien auf. Es rechnete sich, stattdessen die Erträge in den Weingärten zu drosseln. Das steigerte die Qualität der Flaschenweine. Die Kunden waren zufrieden und brachten letztlich mehr Gewinn.

20 Hektar bewirtschaften die Winters. Fast alles wird von Hand gelesen, nur mit Aushilfskräften. „Wir müssen jetzt dringend eine feste Kraft für die Weinberge einstellen", sagt der Junior, „wir wissen sonst nicht mehr, wie wir die Arbeit bewältigen sollen."

Freizeit? Ihm bleibt nur der Sonntag für etwas Sport zum Ausgleich. Da spielt er bei der TSG Dittelsheim Fußball. Zum Heiraten gab's noch keine Gelegenheit. „Den Frauen, die mich bisher näher angeschaut haben", lacht der 29-Jährige, „war wohl gleich klar, dass eine Verbindung mit mir in harte Arbeit ausartet."

Den Scheurebe-Weinberg gibt es immer noch, jetzt 27 Jahre alt. Die Trauben wurden Ende vorigen Oktober als letzte gelesen. Sie brachten 102 Grad Öchsle, was einer satten Auslese entspricht. Doch das Prädikat verwenden die Winters nicht für trockene Weine. Der Most wurde spontan vergoren, nur mit den natürlichen, vom Weinberg mitgebrachten wilden Hefen. Es blieb ein Hauch Süße übrig, die dem weichen Wein prächtig steht. Das für die Sorte typische Bukett steigt in die Nase, Stachelbeere, Cassis, Rhabarber, aber doch alles wundervoll dezent und harmonisch. Das passt perfekt zu herzhaftem Käse und auch zu asiatisch-pikant gewürztem Huhn.

Pit Falkenstein ist renommierter Weinjournalist.

Dittelsheimer Kloppberg, Jahrgang 2008

Rebsorte: Scheurebe

Anbaugebiet: Rheinhessen

Analyse: 12,4ll Alkohol, 7,1 g Säure, 10,3 g Restzucker

Trinken bis 2011

Preis: 7,50 Euro

Adresse: Weingut Winter Hauptstraße 17 67596 Dittelsheim-Hessloch Tel.: 06244 / 7446, Fax: 06244 / 57046 info@weingut-winter.de www.weingut-winter.de

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