Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.01.2011

11:30 Uhr

S-Bahn-Chaos

Die toten Gleise von Berlin

VonLorenz Maroldt
Quelle:Tagesspiegel

Die Berliner S-Bahn hat vor sich selbst kapituliert. Ganze Strecken wurden vom Netz genommen, Taktzeiten nochmals ausgedünnt – ein Schreckensbild, was vom Winterwetter nur hervorgehoben, nicht verursacht wurde. Die Politik der Hauptstadt kultiviert ihren Fatalismus und nimmt es auch hin, sich verhöhnen zu lassen.

Kein Zugang: Vier Strecken der Berliner S-Bahn sind gesperrt. dpa

Kein Zugang: Vier Strecken der Berliner S-Bahn sind gesperrt.

BERLIN. Dieser Montag war nicht irgendein Tag für Berlin. Es war der erste Werktag im neuen Jahr, es war der erste Schultag nach Weihnachten, es war der erste politische Tag des Jahres, in dem ein neues Landesparlament gewählt wird. Und es war der Tag, an dem so wenige S-Bahn-Züge wie kaum je zuvor unterwegs sein sollten. Ganze Strecken waren vom Netz genommen, die Taktzeiten noch einmal ausgedünnt worden, der Notfahrplan wurde kassiert und durch einen „Not-Notfahrplan“ ersetzt, für ein, zwei oder drei Wochen, jedenfalls, wie es so unschön heißt, bis auf Weiteres. Die S-Bahn, eine der Hauptschlagadern Berlins, hatte vor sich selbst kapituliert.

Und die Politik dieser Stadt, der Hauptstadt Deutschlands, Touristenmagnet, Millionenmetropole? Sie kapitulierte gleich mit, vor schlechten Verträgen, die sie selbst verhandelt hat, vor technischen Problemen, die sie nicht versteht, vor der Bahn, deren Entscheidungswege ihr zu verschlungen sind, vor der Bundesregierung, deren unzuständige Zuständigkeit sie irritiert. Sie haben geprüft, gedroht, geschmeichelt und gefordert, die Senatoren und Bürgermeister, die Verkehrsexperten der Fraktionen, die Sprecher der Oppositionsparteien, immer wieder, seit die Notfahrpläne zum Normalzustand wurden. Sie ließen sich vertrösten, glaubten noch im Oktober an die Versicherung der S-Bahn: alles bestens, genug Leute im Einsatz, die Werkstätten vorbereitet. Eine Lüge, die hunderttausenden Menschen jetzt eiskalt die Beine hochzieht.

Aber was passiert? Die Berliner Politik kultiviert ihren Fatalismus, und sie nimmt es hin, verhöhnt zu werden. Dass der „Not-Notfahrplan bis auf Weiteres stabil“ ist, wird zu einer guten Nachricht verklärt, und dass die U-Bahn ausgerechnet jetzt und ausgerechnet dort einen Pendelverkehr einrichtet, wo die S-Bahn mit ihrem Not-Notfahrplan schon gar nicht mehr fährt, geht unter im Ärger um die Preiserhöhung: zehn Prozent mehr für den Einzelfahrschein, das Einzige, was hier pünktlich kommt.

Mit einem murmeltierhaften Schnauferl fordert der Regierende Bürgermeister wieder einmal Schadensersatz für die S-Bahn-Kunden, immerhin, und die Verkehrssenatorin erbittet, auch wieder einmal, ergeben drohend ultimativ ein Konzept; der Rest ist Schweigen. Und so blicken alle gemeinsam mit traurigen Augen auf die toten Gleise von Berlin.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

pec

05.01.2011, 01:55 Uhr

"Jemand, der sich nicht grummelnd abfindet, sondern kämpft gegen die Flut der Unzulänglichkeit, zur Not auch auf den Anzeigetafeln mit dem Not-Notfahrplan, jemand, der die Grubes, Ramsauers und Merkels aus ihrer gewinnabführenden Märklinwelt holt, der die Wahrnehmungslücke schließt zwischen der großen, weiten Politikerwelt in dieser Hauptstadt und der kleinen, mühsamen, alltäglichen, zum Verzweifeln schicksalsergebenen bürgerwelt. Ja, so jemand würde hier bestimmt gewählt."

Da fällt mir nur buschkowski ein, der bürgermeister von Neukölln. Den Rest der Politik-Flitzpiepen kannste in die Tonne kloppen. Naja, was geht's mich an - ick fahr Rad.

Peter Scholz

05.01.2011, 03:03 Uhr

Was soll denn das Gejammere. 40 Jahre wurde die S-bahn boykottiert und die bVG erweiterte sein Angebot. Die S-bahn ist in weiten bereichen überflüssig. Den Rest kann auch noch die bVG übernehmen. Das bahngelände sollte rekultiviert werden und einer bebauung dienen. Diese innerstädtischen Grundstücke sind Milliarden wert.

Renne

05.01.2011, 12:47 Uhr

Der beitrag von Peter Scholz zeigt, dass die Teilung berlins noch immer nicht überwunden ist. Was juckt es die Verantwortlichen in der Politik, wenn 100.000 tägliche S-bahn-Fahrer aus Hohenschönhausen im Osten praktisch alternativlos vom Nahverkehr abgeschnitten sind? Ein solches nun schon 2 Jahre dauerndes Chaos gab es, bei allen Problemen, in 40 Jahren DDR nicht. Da wäre sonst die Wende schon früher gekommen. Das war damals eben Chefsache. Die (Ost-)berliner scheinen heute enorm leidensfähig geworden sein, dass sie nicht protestierend vor die Schaltzentralen von bahn und Politik in der Hauptstadt ziehen. in Stuttgart läuft das eben anders.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×