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15.07.2016

18:38 Uhr

Venezuelas Modemetrople

Caracas' schaurig schöne Parallelwelt

Venezuela steckt in einer Staatskrise. Menschen hungern, die Hauptstadt Caracas ist eine der gefährlichsten der Welt. Doch dort, wo das Äußere oft mehr zählt, als alles andere, kämpft eine Modedesignerin für ihren Traum.

Ihr Heim ist sicher, ihre Zukunft in Venezuela will sie nicht aufgeben. dpa

Designerin Titina Penzini

Ihr Heim ist sicher, ihre Zukunft in Venezuela will sie nicht aufgeben.

CaracasDie Wohnanlage ist hermetisch abgeriegelt, eine Hausangestellte öffnet die Tür. Zuerst kommt der kleine zottelige Hund angelaufen, dann sie: Titina Penzini, eine große Nummer in der Modedesignszene, vor allem in ihrem kriselnden Heimatland Venezuela.

Ganz in schwarz, wallendes blondes Haar, posiert sie im Wohnzimmer vor einem extravaganten Spiegel. Hier sind die Schlangen hungernder Menschen, schreiende Kinder in Krankenhäusern, die Gewalt fern. Aber gerade ist eine befreundete Familie nach Verlassen eines Clubs brutal entführt worden; erst für mehrere zehntausend Dollar kam sie frei.

Auf Instagram gibt Penzini jungen Mädchen den Hinweis, dass man für eine Nasen-Operation mindestens 15 Jahre alt sein soll, sie sitzt bei Miss-Wahlen oft in der Jury. Mode und ein gut geformter Körper als Kapital. Immerhin kamen schon sieben Miss Universe aus Venezuela.

Venezuela in der Krise: Ein Land verhungert

Venezuela in der Krise

Ein Land verhungert

Venezuela hat die größten Ölreserven der Welt. Trotzdem liegt es wirtschaftlich am Boden. Viele Einwohner lassen Mahlzeiten ausfallen, um über die Runden zu kommen und immer mehr Städter bauen wieder selbst Gemüse an.

Es gibt eine reiche Schicht, die weiterhin viel Geld für Mode ausgibt - es ist eine Parallelwelt. Und Leute wie Penzini verdienen gut daran. Sie muss nicht stundenlang in Schlangen für Lebensmittel anstehen, sie hat das Geld, um sich etwas vom viel teureren Schwarzmarkt nach Hause liefern zu lassen.

In Zeiten, wo das sozialistische Land am Abgrund steht, gebeutelt von der schlimmsten Versorgungskrise seiner Geschichte, träumen viele Frauen von Model- oder Designerkarrieren im Ausland. Das Land, das über die größten Ölreserven der Welt verfügt, aber auch über die höchste Inflation, kann kaum noch Einfuhren aus dem Ausland bezahlen - hierin liegt der Kern der Mangelwirtschaft.

Was hält eine Frau wie Titina Penzini noch hier in Caracas, gemessen an der Mordrate eine der gefährlichsten Städte der Welt? „Ich habe fünf Jahre in New York gearbeitet und fünf in Paris. Ich habe für all die großen Marken gearbeitet, für Chloé, mit Karl Lagerfeld, Yves Saint Laurent“, erzählt sie. „Aber ich habe festgestellt, hier ist mein Platz. Hier kann ich helfen, dass nicht noch mehr der besten Designer das Land verlassen.“ Und sie glaubt, dass es irgendwann einen Wandel gibt. Regelmäßig hält sie in teuren, gut gesicherten Hotels gefeierte Modeschauen („Salon 100% chic“) mit Nachwuchstalenten ab.

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