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22.01.2010

16:02 Uhr

Weinkenner Pit Falkenstein

„Und plötzlich ist die Flasche leer“

VonClaudia Tödtmann

In der dienstältesten Kolumne des Handelsblatts schreibt Weinkenner Pit Falkenstein regelmäßig über unbekannte Winzer und ihre Weine. Der Kolumnist über ideale Korkenzieher, Schraubverschlüsse – und den ungewöhnlichsten Wein, den er in seiner Zeit je beschrieben hat.

Pit Falkenstein testet unbekannte Weine: "Ich habe keine Lust, berühmte Erzeuger noch berühmter zu machen." Pressebild

Pit Falkenstein testet unbekannte Weine: "Ich habe keine Lust, berühmte Erzeuger noch berühmter zu machen."

Handelsblatt: Herr Falkenstein, Sie sind kein gelernter Winzer oder studierter Önologe – wie kamen Sie zum Thema Wein?

Pit Falkenstein: Ich kann zwar Reben schneiden und binden, Trauben ausdünnen und ernten, aber ich bin kein Winzer. Ich habe Journalismus gelernt. Aber in meinen Lehrjahren in Franken besaß ich mit ein paar Freunden einen Kahn mit dem beziehungsreichen Namen Öchsle, mit dem ruderten wir allsommerlich den Fluss von Schweinfurt bis Aschaffenburg hinab. Wir kannten bald jedes Weingut dort.

HB: Sie waren also leidenschaftlicher Weintrinker und haben Ihr Hobby zum Beruf gemacht?

Falkenstein: Ein bisschen. Im Juni 1970 – es war mein erstes Jahr beim Handelsblatt – kam ich von einer Tour zurück in die Redaktion. Ich erzählte einer Kollegin, wie sehr ich mich darüber geärgert habe, dass auch die fränkischen Winzer anfingen, ihre Weine zu süßen. Sie sagte nur: „Schreib!“ Es war wohl meiner Liebe zum Bocksbeutelländchen geschuldet, dass der Artikel dann besonders grimmig ausfiel. Die Überschrift hieß: „Wie viel Wahrheit ist noch im Frankenwein?“

HB: Hatten Sie sich da mit Ihrem ersten Artikel in die Nesseln gesetzt?

Falkenstein: In einer überregionalen Zeitung über Wein zu schreiben und dann noch so kritisch, war nicht üblich. Die Geschichte löste finstere Klage-Androhungen aus, etwa vom Fränkischen Weinbauverband und vom damals noch so genannten Stabilisierungsfonds für Wein. Dazu tobte ein Leserbrief-Krieg – vier Wochen lang. Einige Schreiber schimpften, doch die meisten meinten: „Weiter so!“ Seitdem ist Wein mein Thema.

HB: Wie wählen Sie die Winzer aus, deren Weine Sie besprechen?

Falkenstein: Ich suche bewusst unbekannte Weingüter aus. Ich habe keine Lust, berühmte Erzeuger noch berühmter zu machen. Manche meiner Kandidaten sind inzwischen Stars geworden, zum Beispiel Matthias Müller am Mittelrhein und Jesús Martinez Bujanda in der Rioja.

HB: Was war Ihr persönliches Highlight der 500 Folgen?

Falkenstein: Der ungewöhnlichste Wein, den ich beschrieben habe, war ein „Gemischter Satz“ vom Weingut Otmar Zang in Sommerach am Main. Der Wein stammte aus einem Rebgarten, der 1835 angelegt worden war. Er hat Rebläuse, vier Kriege und ungezählte Frostnächte überstanden und wurde nie neu gepflanzt. Die Winzer ersetzten nur abgestorbene Stöcke. Etwa ein Drittel der Reben – ungemein beeindruckende Knorzen – stammte noch aus dem Jahr 1835.

Apropos Preis: Sie bekamen auch von der Fachwelt Applaus...

1991 wurde feierlich der „Journalistenpreis des Deutschen Weininstituts“ übereicht. Den erhielt ich aber noch unter meinem früheren Namen Peter Espe. Von 1988 an mussten sich die Leser nach meiner Heirat an meinen neuen Namen Falkenstein, den Nachnamen meiner Frau, gewöhnen.

HB: In all den Jahren hat sich viel getan beim Wein. Es gab große Empörungen und kleine Revolutionen, etwa als der erste Winzer, Karl-Heinz Johner in Baden, Korken durch Schraubverschlüsse ersetzte. Das tun heute viele. Wie entwickelte sich das damals?

Falkenstein: Drehverschlüsse gab es schon, aber nur für billige Literflaschen. Johner war der erste, der Spitzenweine damit ausstattete, und er bekam einiges auf die Backen. Die Schraube galt als Frevel. Markus Del Monego, der Sommelier-Weltmeister, mäkelte besonders laut und nachhaltig. Klar, jede Oma kann die Schraube öffnen, und das feierliche Schnuppern am Kork entfällt.

HB: ... und das kratzt am Nimbus eines Weinkellners.

Falkenstein: Im September 2001 beschrieb ich einen Riesling vom Württemberger Weingut Wilhelm Zaiß. Der leichte Tropfen war in eine Literflasche mit Schraubverschluss abgefüllt. Sie glauben nicht, wie mich da Leser beschimpft haben. Ich habe mir dann privat einen Zwölferkarton gekauft. Nach fünf Jahren wurde die letzte Flasche aufgeschraubt. Der Wein war immer noch wunderbar frisch. Seitdem bin ich Verfechter der Schraubkapsel, zumindest bei Weißwein.

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