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23.01.2009

10:51 Uhr

Literatur

Chinesische Romane: Das Vermächtnis der Wölfe

VonRegina Krieger

Drei neue Bücher aus China zeigen einen intimen und neuen Blick auf die junge Generation im Reich der Mitte und ihr Lebensgefühl. Trotz unterschiedlicher Plots, verschiedener Stilrichtungen und anderer Zeiten machen dabei alle drei Romane deutlich, dass die Menschen in China mit dem Tempo des gesellschaftlichen Wandels kaum mehr mithalten können.

Wie steht es um das Lebensgefühl und das Selbstbewusstsein der Chinesen? Der Bestseller-Autor Jiang Rong wirft seinen Landsleuten trägen Gehorsam vor. Foto: reuters Reuters

Wie steht es um das Lebensgefühl und das Selbstbewusstsein der Chinesen? Der Bestseller-Autor Jiang Rong wirft seinen Landsleuten trägen Gehorsam vor. Foto: reuters

DÜSSELDORF. Dai Xingkong ist der Superstar von Shenzen. In kurzer Zeit ist der Computerfreak vom armen Studenten in Kanton zum erfolgreichen Unternehmer in der Sonderwirtschaftszone in Chinas Süden geworden. Seine Firma Tenglong, zu Deutsch „aufsteigender Drache“, produziert und vertreibt sowohl Softwareprogramme als auch Stärkungsmittel – Verkaufshit ist der „Gehirnmarschall“, ein Kräutersirup nach den Rezepten der traditionellen chinesischen Medizin, den die Mütter ihren Einzelkindern geben, damit sie den Anforderungen des Lebens besser gewachsen sind. Dai expandiert, plant ein Hochhaus als neue Firmenzentrale und wird von den örtlichen Kadern hofiert.

Chen Zhong genießt sein Leben in Chengdu, der Hauptstadt von Sichuan im Westen Chinas. Nach dem Studium hat der Endzwanziger eine gut dotierte Stelle gefunden, er ist Verkaufsleiter einer Firma für Autoersatzteile und Schmierstoffe. Er arbeitet viel, und nach Feierabend verprasst er zusammen mit seinen Studienfreunden Li Liang und Großkopf Wang sein Geld. Ihre Hobbys sind Mahjong, Restaurantbesuche und Frauengeschichten.

Chen Zhen ist völlig anders, seine Geschichte spielt auch mehr als 30 Jahre früher. Von Peking aus ist der junge Mann mit einem Koffer voller Bücher für elf Jahre in die Innere Mongolei gegangen, freiwillig, um der von Mao angeordneten Umerziehung auf dem Land zuvorzukommen. Es ist die Zeit der Kulturrevolution. Chen Zhen ist arm, lebt wie die Mongolen in einer Jurte, und er beobachtet die Wölfe, die im Grasland auf die Jagd gehen.

Die drei jungen Männer sind die Protagonisten von drei neuen Romanen aus China, die soeben in Deutschland erschienen sind, zwei in der Übersetzung aus dem Chinesischen, während die Geschichte des Unternehmers Dai eine deutsche Originalausgabe ist – die Autorin Luo Lingyuan lebt in Berlin. China ist in diesem Jahr Gastland der Buchmesse, die drei Romane bilden den publizistischen Auftakt.

Trotz unterschiedlicher Plots, verschiedener Stilrichtungen und anderer Zeiten haben die drei Bücher ein Thema: Sie öffnen einen intimen und neuen Blick auf die junge Generation in China und ihr Lebensgefühl. Dai Xingkong und Chen Zhong scheitern. Der Unternehmer aus Shenzen, moralisch integer, gefeit gegen Korruption, muss plötzlich gegen Produktpiraten kämpfen, gerät in Intrigen und verliert die Unterstützung der Parteimächtigen, bis er am Ende seine Firma dichtmachen muss. Chen Zhong gerät durch sein eigenes Verhalten in eine Sinnkrise. Er hat Geld veruntreut, verliert seinen Job und seine Frau, die wegen seiner Eskapaden die Scheidung einreicht. Beide jungen Männer scheitern am Tempo des gesellschaftlichen Wandels. Der eine ist zu blauäugig gegenüber Konkurrenten und Widersachern, der andere übertreibt mit dem Übertreten von moralischen Gesetzen und rutscht immer weiter in eine zynische, destruktive Schattenwelt.

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