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03.06.2011

11:16 Uhr

Literatur

Die Macht politischer Bilder

VonRegina Krieger

Wahlplakate, Werbeflächen, Hauptversammlungen: Wie können die versteckten Botschaften in Fotos und Bildern entschlüsselt werden? Das „Handbuch der politischen Ikonographie“ kann dabei helfen.

Aufnahme aus dem "situation room" der US-Regierung. In dem Bild stecken mehr Informationen als auf den ersten Blick sichtbar. Quelle: Reuters

Aufnahme aus dem "situation room" der US-Regierung. In dem Bild stecken mehr Informationen als auf den ersten Blick sichtbar.

DüsseldorfEs ist Sonntagnachmittag, der 1. Mai 2011. Im „situation room“ des Weißen Hauses sitzt Präsident Barack Obama mit seinen engsten Mitarbeitern, darunter Vize Joe Biden und Außenministerin Hillary Clinton. Ihre Gesichtszüge sind angespannt, alle starren auf einen Bildschirm. Sie verfolgen live die Operation „Geronimo“ in Abbottabad, sehen zu, wie die Navy Seals Jagd auf Osama Bin Laden machen.

„Wir haben ihn“, sagt CIA-Direktor Leon Panetta, der die Bilder aus Pakistan für den Präsidenten kommentiert, doch dass er das so sagt, erfährt die Welt erst am Tag danach aus den Nachrichtenagenturen.

Dann veröffentlicht das Weiße Haus das Bild des Regierungsfotografen Pete Souza aus dem „situation room“. Sofort kommt es weltweit auf die Titelseiten und brennt sich im kollektiven Gedächtnis fest – auch weil es kaum andere Bilder gibt, denn Präsident Obama hat untersagt, die Fotos des toten El-Kaida-Führers zu veröffentlichen.

„Dieses Bild ist sehr ungewöhnlich“, sagt Martin Warnke, „Barack Obama in Freizeitkleidung, ohne US-Fahne im Hintergrund, in einem kleinen Raum, mit seinen engsten Beratern, so darf der mächtige Präsident der Vereinigten Staaten eigentlich nicht zu sehen sein.“ Der Hamburger Kunsthistoriker ist Spezialist für politische Ikonographie, eine relativ junge Forschungsrichtung, die die visuellen Inszenierungen politischer Ereignisse und ihrer Protagonisten untersucht.

Er stellt das Bild in eine historische Tradition: „Die Entscheidung eines Herrschers ist legitimiert, wenn er sich im Kreis seiner Berater besprochen hat“, erklärt er. „Das gab es schon im Mittelalter, Stichwort ,consilium et auxilium’ der Vasallen, das heißt, der Herrscher konnte zum Beispiel nur neue Steuern verlangen, wenn er das als Ergebnis einer Beratung verkaufte.“

Warnke verweist auf die Spannung zwischen dem kleinen Raum und dem intimen Kreis und dem großen Weltereignis. „Es war eine heikle Situation für den Präsidenten, die Operation hätte scheitern können, so aber sendet er die Botschaft: Meine besten Spezialisten haben mich beraten, ich tue das Beste für mein Volk.“ Dieser Legitimationsaspekt ist der Schlüssel, um das Foto zu verstehen.

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