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23.03.2017

20:17 Uhr

Literatur

Leipziger Buchmesse in Sorge um Türkei

Auf der Leipziger Buchmesse dominieren ernste Töne. Die Sorge um die Entwicklung in der Türkei prägt viele Diskussionen. Den Buchpreis erhält Natascha Wodin für ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“.

Die Autorin wurde in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Der Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 verliehen. dpa

Natascha Wodin

Die Autorin wurde in der Kategorie Belletristik ausgezeichnet. Der Preis der Leipziger Buchmesse wird seit 2005 verliehen.

LeipzigDie Schriftstellerin Natascha Wodin hat den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Die Jury zeichnete am Donnerstag in der Kategorie Belletristik ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“ aus. Weitere Preisträgerinnen sind die Übersetzerin Eva Lüdi Kong und die Sachbuchautorin Barbara Stollberg-Rilinger. Die Autorinnen nahmen die mit insgesamt 45.000 Euro dotierte Auszeichnung zu gleichen Teilen entgegen. Der Leipziger Buchpreis zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland. Erstmals ging er in allen drei Kategorien an Frauen.

Der erste Messetag in Leipzig stand im Zeichen der Sorge um die Meinungsfreiheit in der Türkei. Die Türkei sei auf dem Weg zu einem totalitären Unrechtsstaat mit einem Diktator Erdogan an der Spitze, sagte der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis. „In so einer Zeit ist Schweigen oder diplomatisches Leisetreten nicht angesagt.“

Aus Istanbul wurde die wegen Terrorvorwürfen angeklagte Autorin Asli Erdogan per Videoübertragung zugeschaltet. Sie sagte, sie rechne bei dem Referendum am 16. April in der Türkei mit einem Erfolg von Präsident Recep Tayyip Erdogan. „Es sieht so aus, als ob alles dann noch schwieriger wird.“ Der vorübergehend inhaftierten Autorin droht wegen ihrer Arbeit für die inzwischen geschlossene prokurdische Zeitung „Özgür Gündem“ lebenslange Haft. Sie darf deshalb die Türkei nicht verlassen und musste auch den geplanten Auftritt in Leipzig absagen.

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Beim Buchpreis siegte in der Kategorie Belletristik erstmals seit Sibylle Lewitscharoff („Apostoloff“) 2009 wieder eine Frau. Die 71-jährige Natascha Wodin erzählt in „Sie kam aus Mariupol“ (Rowohlt) die Geschichte ihrer Mutter, die aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol stammte. Als junge Frau erlebte sie den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror, 1944 wurde sie von den Nazis als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt. Zwölf Jahre später nahm sie sich das Leben. Ihre beiden Töchter waren da gerade vier und zehn Jahre alt.

Die Jury urteilte: „Eine literarische Biographie, die an die Geschichte der Zwangsarbeiter erinnert, und eine persönliche Spurensuche, die dem Verlorenen eine Sprache gibt.“ Natascha Wodin, in Fürth als Kind ukrainischer Zwangsarbeiter geboren und in Nachkriegslagern aufgewachsen, lebt seit 1994 in Berlin. In ihren Büchern (etwa: „Einmal lebt ich“, „Erfindung einer Liebe“, „Ehe“) setzt sie sich vor allem mit den Themen Entwurzelung und Fremdheit auseinander. Für das Manuskript zu der jetzt nominierten Geschichte ihrer Mutter erhielt sie 2015 bereits den Alfred-Döblin-Preis. „Ich wünsche mir, dass möglichst viele vom Ausmaß der Zwangsarbeit im Deutschen Reich erfahren“, sagte sie in einer ersten Reaktion.

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Wodin setzte sich gegen die ebenfalls nominierten Romanautoren Lukas Bärfuss („Hagard“), Brigitte Kronauer („Der Scheik von Aachen“) und Anne Weber („Kirio“) sowie den Lyriker Steffen Popp („118“) durch. Im vergangenen Jahr hatte Guntram Vesper mit seinem Roman „Frohburg“ den Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen.

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik ging die Auszeichnung an Barbara Stollberg-Rilinger für ihr Buch „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit“ (C.H.Beck). Den Preis für die beste Übersetzung erhielt Eva Lüdi Kong für die Übertragung des Buchs „Die Reise in den Westen“ von einem ungewissen Verfasser aus dem Chinesischen. Der Preis der Leipziger Buchmesse wurde zum 13. Mal verliehen.

Die viertägige Bücherschau begann mit starkem Besucherandrang. Lesungen von Autoren wie Nora Bossong und Clemens Meyer stießen auf viel Interesse. Zu einem Messerundgang kam auch der neue SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz nach Leipzig. In diesem Jahr gibt es veränderte Sicherheitsvorschriften, unter anderem auch Taschenkontrollen. Als Schwerpunktpunktland der Leipziger Buchmesse wirbt Litauen um Leser. Kulturministerin Liana Ruokyte-Jonsson sagte, für die Branche sei Deutschland der wichtigste Markt.

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Bis zum Sonntag erwartet die Messe wieder wie im Vorjahr rund 260.000 Besucher auf dem Gelände und dem Lesefestival „Leipzig liest“. Knapp 2500 Aussteller aus 43 Ländern präsentieren auf der Frühlingsschau die Neuheiten aus der Buch- und Verlagsbranche.

Von

dpa

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