Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

24.01.2009

09:03 Uhr

Literatur

Nichts Neues aus dem Münchener Korruptionssumpf

VonJoachim Hofer

Gute Krimis sind spannend und reich an überraschenden Wendungen. Das ist gewiss auch der Marketing-Abteilung des Aufbau-Verlags bewusst. Trotzdem preisen die Berliner das erste umfassende Werk zum Schmiergeld-Skandal von Siemens als „Wirtschaftskrimi“. Doch die „Spur des Geldes“ verdient diesen Titel nicht. Vielmehr müsste das Werk irgendwo zwischen Sachbuch und Erzählung eingeordnet werden.

MÜNCHEN. Sachbuch, weil die beiden Autoren unzählige Fakten präsentieren und einen tiefen Einblick in die korrupten Geschäfte des Münchener Konzerns gewähren. Erzählung, da unklar ist, ob alles auch immer genau so passiert ist, wie es hier geschildert wird. Einige Beteiligte bestreiten dies vehement.

Eins vorneweg: Wer die Berichte über die ersten drei Prozesse im Zusammenhang mit dem Skandal in Zeitungen und Magazinen gelesen hat, der braucht das Buch nicht unbedingt in die Hand zu nehmen. Denn es wird wenig Neues präsentiert. Die Autoren haben es nicht geschafft, die vielen offenen Fragen zu klären.

Zum Beispiel die nach der Rolle des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Heinrich von Pierer. Schon in den bisherigen Prozessen in München und Nürnberg ist der Eindruck entstanden, dass der langjährige Chef über das System der schwarzen Kassen zumindest Bescheid wusste. Auch die Autoren vertreten diese These. Doch neue Belege dafür erbringen Hartmut Volz und Thomas Rommerskirchen nicht. Von Pierer selbst bestreitet bis heute, dass er etwas mit den kriminellen Machenschaften zu tun hat.

Sicher, was Hunderten Staatsanwälten, Steuerfahndern und hochspezialisierten Anwälten in zweijähriger Arbeit nicht gelungen ist, kann auch von zwei Journalisten nicht ernsthaft erwartet werden. Und doch: Bislang unbekanntes, belastendes Material gegen von Pierer wäre wohl der wichtigste Grund, das Buch zu kaufen.

So aber findet der Leser im Wesentlichen eine Nacherzählung der Ereignisse seit jenem 15. November 2006. Damals durchsuchten 200 Fahnder die Büros des deutschen Vorzeigeunternehmens sowie Privatwohnungen. Ein paar Stunden nach Beginn der Razzia gelangten erste Details des Skandals an die Öffentlichkeit. Seither ist kein Stein bei Siemens auf dem anderen geblieben. Fast das gesamte Top-Management musste gehen, und der neue Konzernchef Peter Löscher hat die Traditionsfirma komplett umgebaut. Inzwischen ist bewiesen, dass Siemens über Jahre hinweg schwarze Kassen genutzt hat, um sich durch Schmiergelder Aufträge im Ausland zu sichern.

Dazu kam die AUB-Affäre: Siemens hat sich lange Zeit quasi eine eigene Gewerkschaft gehalten. Mit vielen Millionen haben die Strategen aus München die angeblich unabhängige Arbeitnehmervertretung unterstützt und sich deren Wohlwollen erkauft. Ein Nürnberger Gericht hat AUB-Gründer Wilhelm Schelsky deshalb im Herbst zu einer Gefängnisstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt, die er derzeit absitzt. Viere weitere ehemalige hochrangige Siemens-Manager standen bislang vor dem Kadi, sie kamen mit Bewährungsstrafen davon.

Das Buch über den Siemens-Skandal kommt morgen in die Buchhandlungen – die Aufarbeitung der Affäre hingegen geht weiter. Noch immer arbeiten die Staatsanwälte in München vor allem an einem Ziel: die frühere Vorstandsriege auf die Anklagebank zu bekommen.

Hartmut M. Volz und Thomas Rommerskirchen:


Die Spur des Geldes
Aufbau, Berlin 2009
223 Seiten, 16,95 Euro

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×