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10.06.2011

15:48 Uhr

London

Eldorado der Antik-Sammler

VonMatthias Thibaut

Die Messen Art Antiques London (AAL) und Olympia eröffnen die Londoner Messesaison. Letztere mischt Möbel, Malerei, Silber und Schmuck mit Schrulligem und Skurrilem. Die AAL wendet sich mehr an Sammler und Kenner.

Olympia Messe in London (2010). Quelle: PR

Olympia Messe in London (2010).

LondonDie Hochsaison der Londoner Messen hat begonnen. Die Art Antiques London und die Olympia International Fine Arts & Antiques Fair haben gleichzeitig die Pforten geöffnet – letztere hieß im letzten Jahr noch „London International Fine Art Fair“, die Rückkehr zum alten Namen signalisiert neue Bescheidenheit. Die Organisatoren wollen von Konferenzkampf natürlich nichts wissen. „London mit seinem reichen Hinterland und seiner internationalen Kundschaft war immer ein reiches Pflaster für den Antiquitätenhandel und die Londoner kommen begierig“, betonte Olympia-Messeorganisatorin Mary Claire Boyd.  Aber beide Messen müssen sich gegenüber der ehrgeizigen Masterpiece-Messe behaupten, die Ende des Monats zum zweiten Mal stattfindet und das neue Londoner „Maastricht“ werden will.

Jagdgründe der Kenner

Art Antiques London (AAL) belebt, selbstsicher und elegant,  im luftigen Messezelt, im Park bei der Albert Hall noch einmal das Konzept einer Sammlermesse wie sie die internationalen „Haughton Fairs“ pflegten. Aber in einer Zeit, in der die Leidenschaft und das Verständnis für das hochwertige Sammelobjekt und seine Geschichte schwindet und der Einfluss der Dekorateure und Trophäenjäger steigt, muss dieses Konzept um seine Zukunft kämpfen. Die AAL wendet sich unverdrossen an Sammler und Museen. Um den harten Kern der Porzellan- und Keramikhändler der alten „Ceramics Fair“ herum sind englische, amerikanische und europäische Handlungen versammelt, die alle dem rundum wachsenden Eklektizismus ein ausgeprägtes und konzentriertes Fachprofil entgegenstellen. Das gibt der Messe, die mit 75 Teilnehmern  überschaubar und familiär bleibt,  eine außergewöhnliche Tiefe.

Terrine aus Sèvres-Porzellan aus dem Service "Arabesques pour le Roi". Quelle: Dragesco-Cramoisan

Terrine aus Sèvres-Porzellan aus dem Service "Arabesques pour le Roi".

Geschichtsträchtiges Porzellan

Am einen Ende des Zelts stehen die Stars des Porzellanhandels: Dragesco bietet für eine Million Pfund als Messehöhepunkt die große Suppenterrine aus dem Sèvres „Service Arabesque Pour le Roi“ an,  mit achteckigem Unterteller an, ein Service das einmal „Epoche machte“, obwohl es wegen der Revolution gar nicht mehr an König Ludwig XVI., sondern 1795 nur an den Preußischen Minister Karl August von Hardenberg ausgeliefert werden konnte.

Daniela Kumpf hat aus Wiesbaden als Starattraktion ihre KPM-Kaminuhr gebracht, die Friedrich der Große 1765 der sächsischen Kurfürstin Maria Antonia schenkte und die in der Moritzburg war. Auch diese Trouvaille hat einen höheren sechsstelligen Preis. Billiger ist eine wunderbar pointierte, weiß glasierte Figur eines von  Bustelli für Nymphenburg modellierten Chinesen (55.000 Euro). Kumpf hat sich mit dem Düsseldorfer Kunsthandel Esch zusammengetan, der neben Tabatieren viele „Augentäuscher“-Fayencen mitgebracht hat, die im 18. Jahrhundert rustikale Tafeln belebten: Star ist eine Höchster Birkhuhn-Terrine für 4.500 Euro.

Geflochtene Kunstwerke

Am anderen Ende des Zelts bietet die Thai-Galerie aus Santa Fe exquisite japanische Bambusflechtereien an – wichtigstes Werk ist ein 65.000 Dollar teurer Korb  des japanischen „lebenden Nationalmonuments“ Katsushiro Sotos.  „Live“ flicht auf der Messe auch Meister Suguita Jozan im Schneidersitz eine noch undefinierte Bambusarbeit.

Ob Zufall oder Absicht, die AAL hat eine Reihe von Japanhändler mit exquisiten Arbeiten versammelt, zum Beispiel Erik Thomsen aus New York, der ab 5.800 Pfund  zeitgenössisch wirkende Celadon-Teeschalen anbietet. Hinweis auf eine Marktlücke? „Japanische Kunst mit ihrer Zurückhaltung und Klarheit ist aus der Mode und unterbewertet“, bestätigt Michael Goodhuis, der mit zeitgenössische asiatischer Kunst handelt. Allerdings gehört an seinem Stand zu den schönsten Stücken die Fotografie eines beschneiten Baums der Schweizer Fotografin Irene Kung (6.500 Pfund). Bei der Pariser Handlung Martin du Louvre sind deutsche Skulpturen von Künstlern der Vorkriegszeit zu finden. Eine Gruppe 1954 noch zu Lebenszeiten von Egon von Kameke aufgelegter Bronzegüsse kostet 34.000 Pfund und eine Beethovenmaske aus Holz von William Wauer, ein Unikat, 13.000 Pfund.

Mittelpreisige Zeitgenossen

Die Olympiamesse ist auf 150 Teilnehmer geschrumpft, sah dafür aber seit Jahren nicht mehr so ausgeglichen aus: Vor allem mit dem Eingreifen des wieder ausgebooteten Amerikaners und Messeorganisators Richard Lester verhob sich die Messe im Bestreben, eine internationalen Edelmesse zu werden. Lesters Arroganz und hohe Standpreise verprellten die englischen Provinzhändler, die das Rückrat der Olympia waren und bleiben.

Nun konsolidiert sich alles auf bescheidenerem Niveau: Die Standarchitektur wirkt fast ein bisschen zu edel für das Angebot, das mit viel mittelpreisiger zeitgenössischer Kunst und Design angereichert ist.  Topstück ist ein Miró, „Femme“, 1983  für 1 Million Pfund am Stand der Madrider Galeria Mayoral. Peter Petrou hat an seinem eklektizistischen Stand den „Colander Tisch“ des deutschen Designers Daniel Rohr aus Glas und poliertem Aluminium (48.000 Pfund).

Gerald Summers, Armlehnstuhl, 1933/4, aus Birken-Schichtholz. 48.000 Pfund bei Peter Petrou auf der Olympia Fair. Quelle: Peter Petrou

Gerald Summers, Armlehnstuhl, 1933/4, aus Birken-Schichtholz. 48.000 Pfund bei Peter Petrou auf der Olympia Fair.

Skurriles und Schrulliges

Aber neben Möbeln, Malerei des 19. Jahrhunderts, Silber, Schmuck findet man nun auch wieder mehr von den schrulligen Spazierstöcken Memorabilien und Sammlerstücken. Der südafrikanische Spezialist für antike Korkenzieher,  Jeremy Astfalck, bietet für 4.500 Pfund die zierlichen Stiefel des Meisterstrategen General Lord Roberts aus dem Burenkrieg an. Geoffrey Stead verkauft für ein paar hundert Pfund Fayence Terrinen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, in denen bis vor kurzem noch im Hotel Mirande in Avignon Pasteten serviert wurden: Es sind solche skurrilen Funde, die der größte Reiz der Olympia Messe waren.

Der Pariser Messeorganisator Patrick Perrin erinnerte sich diese Woche in London nostalgisch an die alte Olympia Messe: „Man fand immer etwas für seine Sammlung, etwas für sein Landhaus und dazu noch ein paar Stücke, die man in der Galerie weiterverkaufen konnte“. Vielleicht findet die Messe nun langsam zu ihrer alten Identität zurück.

 

Art Antiques London bis 15. Juni

 

Olympia International Fine Art & Antiques Fair bis 19. Juni

 

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