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17.01.2011

20:45 Uhr

London

Normalisierung im Markt für russische Kunst

VonMatthias Thibaut

Heiße Bietergefechte unter russischen Patrioten sind 2010 seltener geworden. Nur ein Gemälde von Nikolaj Feschin konnte im Herbst/Winter beim Spezialversteigerer MacDougalls seine Schätzung verzehnfachen. Bei der Malerei des 19. Jahrhunderts beträgt die Rücklaufquote bis zu 50 Prozent. Mit Fabergé ist das edle Kunsthandwerk aber immer noch ein sicherer Ort für Kunstinvestitionen.

Nikolaj Feschins "Kleiner Cowboy" (Ausschnitt) schnellt von 500.000 Pfund Schätzpreis auf 6,9 Mio. Pfund Verkaufspreis. Macdougalls

Nikolaj Feschins "Kleiner Cowboy" (Ausschnitt) schnellt von 500.000 Pfund Schätzpreis auf 6,9 Mio. Pfund Verkaufspreis.

LONDON. Russische Kunst steht im Rückblick auf 2010 nicht ganz so schlecht da, wie man angesichts hoher Rückgänge und mangelnder Spitzenlose in den Herbstauktionen berichtet hat: Immerhin lagen die Londoner Auktionen mit einem Gesamtumsatz für die vier beteiligten Auktionshäuser Bonhams, Christie's, MacDougalls und Sotheby's mit 53 Millionen Pfund deutlich über der Vorjahresmarke von 39 Millionen Pfund und praktisch gleichauf mit dem Ergebnis vom Juni. Aber nach einer guten Dekade schäumender Kunstauktionen hat sich der Markt normalisiert. Auch deshalb gaben die Russischen Auktionen Hinweise für Trends am Kunstmarkt: Vor allem die Tatsache, dass dreidimensionale Kunstwerke und Kunsthandwerk insgesamt wieder wichtiger waren als Malerei. Hier ist man sich im Moment nicht sicher, wohin der Trend läuft - und die übermütigen Spekulanten, die vor ein paar Jahren noch Werke der Avantgarde mutig nach oben steigerten, sind durch Provenienz- und Fälschungsfragen zurückhaltender geworden.

Den Kaufpreis verzehnfacht

Nur ein außergewöhnlicher Preis wurde erzielt - bei dem ganz auf russische Kunst spezialisierten Londoner Auktionshaus bei MacDougalls'. Hier gab es um die pastos und schwungvoll, aber mit sentimentaler Lieblichkeit gemalte Kinderdarstellung des in Amerika exilierten Nikolaj Feschin (1881-1955), eines jener Gefechte zwischen zwei Sammlern, für die der russische Markt einst berühmt war. Das auf 500.000 bis 700.000 Pfund taxierte Werk erzielte erstaunliche 6,9 Millionen Pfund brutto. William Dougall wertete den Zuschlag als Zeichen eines wiederbelebten Marktes. Der Bieterkampf war die Ausnahme und ein besonderer Glücksfall für den Einlieferer, der das Gemälde erst vor einem Jahr in New York bei Doyle für 632.500 Dollar ersteigert hatte und sich nun den Preisunterschied zwischen dem nachlassenden New Yorker Markt und dem Hauptumschlagsort London zunutze machte. Auch Sotheby's Spitzenlos war ein Bild der "Moderne", Alexander Jakowlews (1893-1955) sonniges Afrikamotiv "Der Kuli-Kuta Tanz" brachte der Schätzung entsprechende 937.250 Pfund.

Wählerische Malereifreunde

Bei der Malerei des 19. Jahrhunderts, vor zehn Jahren mit durchweg hohen Spitzenpreisen noch eine Ausnahmeerscheinung, wird russische Kunst nun mit den gleichen niedrigen Absatzraten verkauft, wie in anderen europäischen Schulen. In London hatte Sotheby's Prestigeauktionen nur eine Verkaufsquote von 63 Prozent - bei den anderen Auktionen lag sie nur knapp über 50 Prozent. Sotheby's Expertin Jo Vickery sprach zwar von einer "gesunden Wiederkehr des 19. Jahrhunderts" - aber das war nicht der Eindruck, den man in der mühseligen Auktion hatte. Sotheby's wichtigstes Los beim 19. Jahrhundert war Alexei Bogoljubows nächtliche Venedigansicht mit der Salute-Kirche für 881.250 Pfund - und wieder hatte MacDougalls die eifrigsten Bieter - eine Birkenwaldlandschaft von Iwan Schischkin schnellte mit 1,9 Millionen Pfund (2,2 Millionen Euro),weit über Taxe.

Kunsthandwerk macht das Rennen

Christie's versteigerte Konstantin Korowins postimpressionistisches Gartenbild mit einer "Dame in Weiß" für 892.450 Pfund an der unteren Schätzung, hatte hier aber die besten Lose beim insgesamt stabil mit höheren Absatzquoten nachgefragten Kunsthandwerk - was dem Trend der New Yorker Sotheby's Auktionen Anfang November entsprach. Ein Paar Petersburger Prunkvasen mit Kopien holländischer Genremalerei kostete 993.250 Pfund, eine Fabergé-Tabaksdose mit dem Porträt von Zar Nikolaus II aus Familienbesitz erzielte 937.250 Pfund. Der Milliardär Alexander Iwanow war für sein Baden-Badener Fabergé-Museum auf Einkaufstour und nahm u.a. eine Fabergé-Uhr mit für 385.250 Pfund. Auch bei Bonhams lag Kunsthandwerk vorn: Ein mit Edelsteinen ausgelegter Säulentisch aus dem Winterpalast nach dem Design von Joseph August Satory wurde für 916.000 Pfund zum teuersten russischen Möbel der Auktionsgeschichte.

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