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15.07.2012

09:25 Uhr

Manifesta

Kunst im Revier

VonElke Trappschuh

In einer historischen Zeche ertönt die Internationale. Die alter Revolutionshymne ist Teil der Kunstbiennale Manifesta in Belgien, ihr Thema ist der Strukturwandel.

Schon wieder die Internationale. Es gibt fast keinen Platz in diesen weiten, staubigen, entkernten Hallen, an dem sie einem nicht ins Ohr klimpert. Schuld daran ist der kroatische Künstler Nemanja Cvijanovic. In seiner interaktiven Installation „Monument zur Erinnerung an die Idee der Internationale“ hat er die große alte Revolutionshymne der Arbeiterschaft auf eine kleine Spieluhr-Rolle übertragen. Da dürfen die Besucher der 9. Kunstbiennale Manifesta in Belgien nun spontan die winzige Kurbel drehen.

Wie gern sie das tun, kriegt man im ganzen Haus per Lautsprecher-Übertragung mit - mal schleppender, mal purzelnder durchgedreht. Eben wie aus dem Kinderzimmer. Ein bisschen spaßige Ironie, ein bisschen ernste Nostalgie. Cvijanovic, Jahrgang 1972, gehört zur jüngeren Garde der 40 Künstler, die bei der Manifesta 9, der „Europäischen Biennale für zeitgenössische Kunst“, das aktuelle Kernprogramm „Poesie der Umstrukturierung“ prägen.

Eva Gronbach: Die Modepuppe trägt umgenähte alte Arbeitsanzüge. Kristof Vrancken / Manifesta 9

Eva Gronbach: Die Modepuppe trägt umgenähte alte Arbeitsanzüge.

Damit sollen sie zweierlei stemmen: einerseits mit ästhetischen „Antworten“ auf den wirtschaftlichen Strukturwandel aufwarten; andererseits mit einer verlassenen historischen Zeche in Beziehung treten. Letzteres gelingt sichtlich leichter. Auch dank der Atmosphäre in der herrschaftlichen Zeche Waterschei in Genk. Nicht zu verwechseln mit dem historischen Juwel Gent. 1987 war auch in Waterschei Schicht im Schacht. Seither bröckeln Bau und Areal einer noch immer ungewissen Umnutzung entgegen. Da will die Manifesta, die kleine Schwester der weltumspannenden Documenta, nun regionale EU-Entwicklungshilfe leisten.

Den angestrebten „komplexen Dialog zwischen den verschiedenen Schichten von Kunst, Erbe und Geschichte“ hat das Manifesta-Team um Cuauhtémoc Medina, Dawn Ades und Katerina Gregos in drei Akten inszeniert. Der erste Akt ist eine Erinnerungsinszenierung für Kinder und Enkel der Kumpel. Fast gehen hier die eingestreuten aktuellen Künstler-Statements unter. Bei Eva Gronbach z.B. mutiert die alte Arbeitskluft zum spröden IT-Dress. Der zweite Akt - „Das Zeitalter der Kohle“ - ist schlicht museal. Eine klassische Retrospektive aus Malerei und Fotografie, die den Wandel der Lebens- und Arbeitswelt seit 1800 eindrücklich verfolgt.

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