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19.09.2013

17:00 Uhr

Marcel Reich-Ranicki

Ein Kritiker vor dem Herrn

VonChristopher Spall

Mit dem Ableben Marcel Reich-Ranickis verliert Deutschland seine größte Markenpersönlichkeit. Nun verstarb er 93-jährig. Warum hat uns dieser Mann über so viele Jahre hinweg so fasziniert?

Legendärer Kritiker

Literaturpapst Reich-Ranicki ist tot

Legendärer Kritiker: Literaturpapst Reich-Ranicki ist tot

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Ein Mann betritt die Bühne, die nur auf Ihn gewartet hat. Alle Augen sind jetzt auf ihn gerichtet, um ihm zu huldigen, ihn zu feiern. Doch er will nicht. Stattdessen sagt er lapidar „Ich nehme diesen Preis nicht an“. Dieser Satz des Marcel Reich-Ranicki wird nie in Vergessenheit geraten. Und er hat ihn noch weiter emporgehoben aus der Mittelmäßigkeit und Angepasstheit der deutschen Promi-Riege. In diesem Satz steckt aber auch ein Geheimnis seiner Popularität: Es ist der Mut zum Regelbruch, zur Ablehnung der allgemeingültigen Gepflogenheiten. Die begründete Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises für sein Lebenswerk im Jahre 2008 ist somit ein Beweis seiner Unabhängigkeit. So steigerte sich die Anziehungskraft seiner Persönlichkeit.

Marken brauchen Heldengeschichten. Geschichten sind das Grundgerüst für ihr Entstehen. Sie werden weitererzählt und schaffen so Stück für Stück Faszination bis hin zu einem Mythos. Reich-Ranicki hat sich seine Geschichte nicht ausgesucht. Und doch musste er sie annehmen. Zusammen mit seiner Frau floh er im Januar 1943 aus dem Warschauer Ghetto und entkam dem sicheren Tod durch die Nazis. Auf seine Art und Weise kultivierte er so den Wert Widerstand – nicht nur durch den Widerstand gegen ein barbarisches Regime wie viele andere auch, nein, in der Folge auch durch den Widerstand gegen geltende Konventionen des Fernsehens, des Literatur-Jargons und der Gesellschaft. Reich ist die Personifizierung des zur Schau gestellten Widerstands auf Basis eigener Grundsätze.

Was ist der Grund, dass es Dich gibt? Ist es nicht die Antwort auf diese Frage, die uns an charismatischen Persönlichkeiten begeistert? Der „einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker“ hatte diese Frage stets mit Taten beantwortet. Reichs Lebensmission ist sein Beitrag zur Versöhnung des deutsch-jüdischen Verhältnisses. Sein Beitrag gipfelte schließlich in der Einrichtung eines Lehrstuhls für deutsche Literatur an der Universität von Tel Aviv. Nicht zufällig konterte er einmal in gewohnt klarer Art und Weise: „Die anständigen Menschen arbeiten um des Ruhmes und des Geldes willen. Die unanständigen wollen die Welt verändern und die Menschen erlösen.“

„Herrlich. Grässlich, Blödsinn.“ War es nicht seine schonungslose, unmissverständliche Sprache, die ihm seinen Ruf als unbequemer Charakterkopf einbrachte? So sind es die markanten Merkmale seines unverwechselbaren Auftretens, die ihn zum meist parodierten Deutschen machten. Starke Markenpersönlichkeiten streben nach Einmaligkeit, lieben die Unverwechselbarkeit, aber verachten Angepasstheit.

Neben seiner scharfzüngigen Rhetorik wird uns allen besonders ein unverkennbares Stilmerkmal im Gedächtnis bleiben: Der mahnende Zeigefinger Reich-Ranickis. Dabei unterscheidet ihn von vielen anderen, dass hinter seiner eigentümlichen Art sich zu gerieren, niemals die Suche nach Aufmerksamkeit steckte. Vielmehr lebte er seine Prinzipien und seine Berufung als Kritiker mit maximaler Authentizität. Dies war der Schlüssel seiner ungeheuren Aufmerksamkeits-Stärke.

Deutschland verneigt sich vor seinem ersten Skeptiker, dessen kantiges Profil dazu beitrug, als Literaturkritiker zur Marke zur werden. Und weit über die Literaturszene hinaus bekannt: 98 Prozent der Deutschen kennen heute seinen Namen.
Hoffentlich werden nicht nur sein Name, sondern auch seine Botschaften bleiben. Denn nun steht Marcel Reich-Ranicki sicher mit unendlicher Ungeduld vor der nächsten Station auf seiner Reise. Was wird er uns mit erhobenem Zeigefinger von oben zurufen? Wir wissen es nicht. Doch just erschallt ein Nachruf aus dem Off: Seid unbequem, seid eigen-artig, habt Mut zum Nein und lebt eure Prinzipien auf Teufel komm raus! Ist das nicht „Herr-lich“?

Christopher Spall ist Persönlichkeits- und Markenexperte sowie Inhaber der Markenidentitäts-Beratung Spall.macht.Marke in Nürnberg.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

19.09.2013, 17:35 Uhr

In a fine time.

In a limpid
perception the
first intuition
appears like
a white shade
near an intense
idea.

Francesco Sinibaldi

Account gelöscht!

19.09.2013, 17:35 Uhr

In a fine time.

In a limpid
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idea.

Francesco Sinibaldi

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