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11.08.2012

16:47 Uhr

Marktanalyse

Der Geschmack hat sich gewandelt

VonChristian Herchenröder

Während Goldgrundmalerei und Elfenbeinskulptur wieder gefragt sind, schwindet das Interesse an Silber, Renaissance-Keramik und Möbeln. Der Geschmackswandel ist radikal. Eine Marktanalyse.

William Bouguereau: Die „Orientalerin mit Granatapfel“ von 1875 begeisterte amerikanische Sammler und kostete 2,3 Mio. Pfund. Sotheby’s New York

William Bouguereau: Die „Orientalerin mit Granatapfel“ von 1875 begeisterte amerikanische Sammler und kostete 2,3 Mio. Pfund.

BerlinDer Kunstmarkt lebt nicht nur von der zeitgenössischen Kunst. Es gibt weit mehr Sammelgebiete, die seinen Ruf als Fels in der Brandung ökonomischer Krisen stützen. Wenn auch wahre Kennerschaft und breites kunsthistorisches Wissen immer mehr verloren gehen, so hat sich bis jetzt doch eines erhalten: die Aufgliederung des Marktes in viele extrem verschiedene Sachgebiete mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und Karrieren.

Mit Auktionen wie "Treasures" und "The Exceptional Sale" versuchen Sotheby's und Christie's diese Pluralität aufzuheben und sie wie in einem Brennspiegel auf Spitzenobjekte aus den Bereichen Porzellan, Silber, Möbel, Skulptur zu fokussieren. Das bringt mehr Publizität und höhere Erlöse als die Einbindung in die jeweiligen Spezialauktionen, die dadurch aber immer mehr an Glanz verlieren. Außerdem wird so ein trendbildendes Cross-over gefördert, das mit seinen Spitzenpreisen auch Investoren und Sammler neuerer Kunst zu den klassischen Marktsparten zurückführen soll. Der Markterfolg dieses Ausleseprinzips spricht für sich: Bei Christie's wurden für 48 Lose 18 Millionen Pfund eingenommen, bei Sotheby's für 39 Lose 9,5 Millionen Pfund.

Die Londoner Edelauktionen im Juli bestätigen auch wieder nur die alte Tatsache, dass exzeptionelle Objekte keine Absatzprobleme haben - vorausgesetzt, sie waren lange Jahre in renommiertem Privatbesitz. Das Paar Bronze-montierter Kratervasen ("Vases Medicis"), das am 4. Juli in Sotheby's "Treasures"-Auktion 1,7 Millionen Pfund erlöste, bestätigt wieder einmal, dass die französische Manufaktur Sèvres mit ihren besten Stücken an der Spitze des Porzellanmarkts steht.

Dazu gehören selbst historistische Exemplare wie die beiden Vasen der arabischen Form, die am 7. Juni bei Christie's in New York 902 500 Dollar erlösten. Meissener Porzellan hingegen, das im Jubiläumsjahr 2011 eine Flut von Auktionsofferten zu verkraften hatte, kann da nicht mithalten. Zu den höchsten Zuschlägen der Frühjahrssaison gehören die 61 000 Euro, die im Mai bei Lempertz für eine Platte aus dem Schwanenservice geboten wurden.

Im Kontrast zu den elitären Gattungsmelangen stehen Spezialauktionen, deren Sammelgebiete nicht mehr "in Mode" sind, weil der Enthusiasmus und das Wissen fehlen. Dazu gehört das breite Feld der europäischen Keramik. Das 17. und 18. Jahrhundert sind out. Selbst die von berühmten Sammlern wie Arthur M. Sackler und Peter Ludwig gepflegte italienische Renaissance-Keramik muss Popularitätsabstriche hinnehmen.

Hier reüssiert nur das Beste vom Besten wie Christie's Auktion einer 41-teiligen Privatsammlung mit feiner Keramik am 5. Juli zeigte, in der nur 15 Lose verkauft wurden.

Auch hier das inzwischen gewohnte Bild: Das rare und Signalkraft ausstrahlende Spitzenstück, eine mit der Geburt Johannes des Täufers bemalte Urbino-Platte, hebt sich mit 457 250 Pfund weit vom Mittelfeld der Teller, Krüge und Albarello-Vasen ab.

Auf dem Gebiet der Malerei gibt es weniger Probleme. Vor allem der Altmeister-Markt hat in diesem Jahr durch hochkarätiges Auktionsmaterial einen starken Auftrieb. Der begann in den New Yorker Januarauktionen, wo Sotheby's mit 62 Millionen Dollar vorn lag, und endete mit Christie's Londoner Juli-Auktionen, in denen 95 Millionen Pfund eingespielt wurden. 22 Millionen davon entfallen allerdings auf das Landschaftsgemälde von John Constable.

Im Altmeister-Markt wird es für die Händler immer schwerer, sich gegen die Übermacht der Auktionshäuser zu behaupten, die sich in den USA, Asien und Europa eigene Sammlergemeinden aufgebaut haben. In Sotheby's Londoner Auktion am 4. Juli gingen sechs der zehn Toplose an Privatsammler.

Die Auktionen Alter Meister zeigen 2012 einen starken Markt für die ersten Meister der holländischen Schule (mit Ausnahme des Bauern-Genres), für italienische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts und für italienische Goldgrundgemälde. Hier hat ein Tafelbild mit dem segnenden Christus und den Heiligen Petrus und Paulus von Pietro Lorenzetti bei Christie's den sensationellen Preis von 5,1 Millionen Pfund erzielt, weil es ein unrestauriertes Werk von einem der Hauptmeister der sienesischen Kunst ist.

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