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16.01.2009

16:45 Uhr

Meidterwerk der Literatur

„November 1918“: Über Deutschlands verpasste Chance

VonThomas Hanke

Vor neunzig Jahren endete mit der Niederschlagung des „Spartakusaufstandes“, was 1918 als Novemberrevolution in Deutschland begonnen hatte. Mit der Neuauflage von Alfred Döblins „November 1918“ macht der S.Fischer-Verlag nun den genialen Roman eines Autors wieder zugänglich, dessen Bedeutung noch immer verkannt wird.

BERLIN. Was der Novemberrevolution folgte, war der Wiederaufstieg der republikfeindlichen, auf einen Revanchekrieg wartenden Militärkaste und das von blutigen Kämpfen begleitete langsame Abgleiten in die Nazi-Diktatur.

Passend zum Jahrestag ist jetzt Döblins umfassendstes Romanwerk wieder erhältlich, das Anfang November 1918 beginnt und mit der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht im Januar 1919 endet. Schon der reine Umfang, über 2000 Seiten, sprengt alle Maßstäbe. Frappierend, dass der Text dennoch keine Längen aufweist, ständig mitreißt. Döblin ist vielleicht der beste historische Roman über Deutschland gelungen, der bislang aber nur in einer Miniauflage erschien. Man kann ihn als Schilderung der Wochen lesen, in denen sich das Schicksal Deutschlands auf Jahrzehnte hinaus entschied: durch eigene Fehler der handelnden Personen, die nicht mit dem unseligen Versailler Vertrag zu entschuldigen sind.

Man kann dieses Mammutwerk aber auch als eine Auseinandersetzung mit der Möglichkeit individuellen moralischen Handelns in einer schier ausweglosen Zeit auffassen. Gleichzeitig hat „November 1918“ aber auch autobiografische Züge, ist eine respektlos-ironische Abrechnung des Autors mit seiner eigenen Stellung und seinen Liebschaften und die sehr ernste Schilderung der Annäherung an den Katholizismus.

Döblins 1937 begonnener Zyklus in vier Bänden ist alles andere als staubtrocken, unterhält auf hohem Niveau, weil der vor den Nazis geflohene Autor ein sprachliches Meisterwerk geschaffen hat, das stets stilsicher zwischen Tragödie, Farce und schwarzem Humor changiert. Faszinierend sind etwa die Gespräche Friedrich Eberts mit dem faktischen Reichswehrchef General Gröner: Ebert versucht fast devot, seine Zuverlässigkeit zu beweisen. Zugleich glaubt er bauernschlau, sich Gröners bedienen zu können, merkt nicht, dass er dem geschlagenen Generalstab erst wieder in den Sattel hilft und die Möglichkeit verschafft, gegen die Republik zu konspirieren.

Döblin, gefeierter Intellektueller im Berlin der Weimarer Republik, entkam 1933 mit knapper Not der Verhaftung durch die Nazis. Als Jude und Literat mit linker Gesinnung war er ihr typisches Hassobjekt. Im französischen Exil begann er die Arbeit am Zyklus, den er 1943 abschloss. Beeindruckend und fast beschämend, dass der aus seiner Heimat verjagte Döblin an keiner Stelle auf summarische Weise mit Deutschland abrechnet. Im Gegenteil: Er verteidigt sogar die Deutschen gegen den Vorwurf der Alliierten zum Ende des Ersten Weltkriegs, sie hätten sich durch ihre Kriegsführung als hochintelligente Barbaren ohne jede Moral erwiesen.

Auch wenn die Nazis seiner nicht habhaft wurden, muss man feststellen, dass sie Döblins literarische Stellung vernichtet haben. Dem als französischer Offizier nach Deutschland Heimgekehrten wurde mit Misstrauen begegnet, die gebührende Achtung verwehrt. Er selber stellte nach einigen Jahren resigniert fest, dass er „in Deutschland nicht gebraucht werde“. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Sein Werk ist ein Schlüssel zur deutschen Geschichte, auch wenn es bis heute fälschlicherweise auf „Berlin Alexanderplatz“ reduziert wird. Umso dankbarer muss man dem S.Fischer Verlag für das Risiko sein, „November 1918“ nun neu aufgelegt zu haben. Aus vielerlei Gründen ist ihm Erfolg zu wünschen.

Alfred Döblin
November 1918 – Eine deutsche Revolution. Erzählwerk in drei Teilen
S.Fischer, Frankfurt 2008
4 Bände, 75,60 Euro

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