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08.01.2010

11:59 Uhr

Mein schlimmster Job

Zeitungswerber zwischen Sauerkraut und Kohlrouladen

VonHellmuth Karasek

Literaturkritiker und Schriftsteller Hellmuth Karasek musste 1952 durch Neubausiedlungen ziehen und Flüchtlingen Zeitungsabos aufschwatzen. Warum er seine Arbeit damals als moralisch verwerflich empfand, sie heute als Drückerjob bezeichnet - und was er aus diesem Job fürs Leben gelernt hat.

Hellmuth Karasek will schreckliche Jobs nur noch annehmen, wenn sie reich machen. dpa

Hellmuth Karasek will schreckliche Jobs nur noch annehmen, wenn sie reich machen.

Als Student habe ich in einer Zeche Kohle geschippt. Ich war ausgebildeter Gedingeschlepper. Ein ziemlich elender Job. Man war einem echten Kumpel zugeordnet, der mit dem Presslufthammer Kohle aus dem Berg hieb. Ich schippte das Zeug aufs Förderband. Es war furchtbar anstrengend. Ich habe auch bei Daimler in Sindelfingen Bleche im Akkord gestanzt. Aber das waren schöne Jobs im Vergleich dazu, dass ich mal als Zeitungswerber für eine Flüchtlingszeitung unterwegs war.

Den Job hatte mir ein Freund meines Vaters, der auch Flüchtling in Frankfurt war, beschafft. Das war 1952. Ich musste durch Neubausiedlungen ziehen, in denen lauter Flüchtlinge untergebracht waren. Ich habe den armen Leuten eine Zeitung angedreht, die sie nicht brauchten und die ich nicht leiden konnte. Dabei fühlt man sich ziemlich elend.

Ja, es war ein richtiger Drückerjob. Ich bin durch enge Treppenhäuser gelaufen, wo es überall nach Sauerkraut und Kohlrouladen roch. Manchmal konnten die Leute gerade noch verhindern, dass ich einen Fuß in die Tür stecke. Ich hatte auch keinen Erfolg. Damals habe ich das ganze Elend der Gilde der Handelsvertreter kennengelernt, die sozusagen den Eskimos am Nordpol - als es noch keine Klimakatastrophe gab - Kühlschränke verkaufen wollten. Moralisch fand ich es völlig verwerflich: Die Leute hatten nichts, und man sollte sie beschwatzen, ein Abo zu kaufen.

Ich hatte natürlich überhaupt keine Vorstellung von diesem Job, sonst hätte ich mich darauf nicht eingelassen. Aber ich habe den Job schnell durchschaut und nach einem Monat beschlossen aufzuhören. Ich war erst 18, frisch in Tübingen immatrikuliert und musste mir das Geld fürs erste Semester in den Ferien verdienen. Zum Glück konnte ich bei meinem Onkel in Metzingen wohnen, darum habe ich mir gesagt: "Du bist darauf nicht angewiesen, Arme auszunehmen."

Inzwischen sehe ich es weniger rigoros, vielleicht hat die Zeitschrift den Käufern ein Gefühl für die verlorene Heimat gegeben. Ich habe aber gelernt, furchtbare Jobs nur anzunehmen, wenn sie reich machen.

Protokoll: Mariam Schaghaghi

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