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18.03.2011

10:36 Uhr

Michelangelo Pistoletto

Spieglein, Spieglein an der Wand

VonEva Clausen

Das futuristische Kunsthaus MAXXI  in Rom breitet das Werk des Kunstrebellen Michelangelo Pistoletto aus. Die beeindruckende Schau blickt auf die 1960er-Jahre zurück, aber auch in die Zukunft.

Nur der genaue Blick unterscheidet die Besucher im römischen Museum Maxxi von Pistolettos gemalten Gestalten in "Graziella" (1971). Quelle: Sebastiano Luciano, 2011/MAXXI Foundation

Nur der genaue Blick unterscheidet die Besucher im römischen Museum Maxxi von Pistolettos gemalten Gestalten in "Graziella" (1971).

Rom„Von Einem zu Vielen“ ist ein trefflicher Titel für die Überblicksschau auf 100 Werke von Michelangelo Pistoletto, einem Künstler, der die Vielfalt zu seinem Steckenpferd gemacht hat. Er passt zudem gut zum Ausstellungsort, das Museum für zeitgenössische Kunst, das Stararchitektin Zaha Hadid für Rom gebaut hat. Das sogenannte MAXXI erinnert mit seinen an der Decke schwebenden Stahlverstrebungen entfernt an eine Bahnhofshalle, in der die Kunst wie auf Gleisen, im fliegenden Wechsel, vorgeführt wird. Das passt gut zu Pistolettos Kunstverständnis.

Kunst = Teilnahme

Der 78-jährige Künstler mit dem Charme eines Sean Connery und der Vitalität eines Skilehrers- der er tatsächlich auch ist – ist geradezu allergisch gegen jede Art von „Heiligenschein“ der Kunst. Sie ist für ihn ist in erster Linie Kommunikation und aktive Teilnahme. Ein Werk von Pistoletto zu betrachten, bedeutet, sich mit sich und der Welt auseinanderzusetzen. Der Betrachter tritt ins Geschehen, er betritt das Bild, sieht sich mit seiner eigenen Gestalt auf dem spiegelnden Hintergrund der Bilder konfrontiert. Pistoletto beabsichtigt weniger zu einer Reflexion des Ichs zu nötigen, als vielmehr das In-die-Welt-geworfen-Sein aufscheinen zu lassen. 

Politik wird reflektiert

Ausgangspunkt ist das Künstler-Ich. In den frühen 1960er-Jahren malte sich Pistoletto selbst auf die reflektierende Fläche, später kombinierte er die Malerei mit Fotografie in Collagetechnik und ging schließlich dazu über, fotorealistische Gruppenbilder im Siebdruckverfahren auf glänzende Stahlplatten zu drucken. Hand in Hand mit der stilistisch-technischen Verwandlung ging die thematische Ausweitung: Von der einzelne Figur, über Paare und Situationsdarstellungen bis schließlich zu Szenarien, die den politischen Alltag widerspiegeln, von pazifistischen Kundgebungen bis zur Migrationswelle.  Themen, die nicht an Aktualität eingebüsst haben, im Gegenteil.

Die Lumpenvenus

Die Beschäftigung mit dem Alltag, mit gesellschaftlichen Phänomenen unter dem Einsatz einfacher Mittel war das Credo der Arte Povera, der Kunst mit armen Mitteln, einer Bewegung, der Pistoletto zwar eher am Rande angehörte, für die er aber dennoch fast unabsichtlich die Ikone schuf: „Die Lumpenvenus“. Splitternackt steht Göttin der Liebe – als Gipsabguss einer antiken Statue - vor einem Haufen alter Kleidungsstücke, wobei es dem Betrachter der Installation von 1967 überlassen bleibt, sich auszumalen, ob die Dame nach passenden Kleidern im Haufen sucht oder sich lieber in ihm verstecken möchte, derweil ihr klassisches Schönheitsideal wie fern von dieser Welt erscheint.

Stadt der Kunst

1974 zog Pistoletto sich aus dem Kunstgeschehen, oder vielmehr aus dem Galerien-Messen-Markt-Business, zurück, um sich verstärkt der Aktionskunst, der Utopie der Verschmelzung kreativer und sozialökonomischer Elemente zu widmen. In einer ausrangierten Textilfabrik in der Nähe seiner Heimatstadt Biella gründete Pistoletto die Kunststadt Cittadellarte, eine Stiftung zur Förderung aller kreativer Formen, ein Schmelztiegel der Kräfte zur Verbesserung der Gesellschaft, zu ihrer Rückbesinnung auf beständige Werte. In dieser Wiege ist auch Pistolettos jüngstes Projekt herangereift, dessen Werdegang und künftige Gestalt im MAXXI vorgestellt werden:  „Das Dritte Paradies“. Ein aus drei Kreisen bestehendes neues Zeichen der Unendlichkeit, das der Künstler erstmals 2005  auf der 51. Biennale in Venedig und  2009 in Zusammenarbeit mit der Rock-Sängerin Gianni Nannini in Mailand in der  Galerie bunKerart präsentierte. Nanninis Song „Mama“, ein Wiegenlied, untermalte damals Pistolettos Lumpeninstallation. Der mittlere der  drei Kreise zeichnet einen schwangeren Bauch. Eine Vorahnung des Mutterglücks der Sängerin? In Rom jedenfalls erklang mit dem Wiegenlied auch das recht muntere Stimmchen von Penelope, Gianna Nanninis am 26. November 2010 geborener Tochter.

Aussöhnung von Mensch und Natur

Das „Dritte Paradies“ wird in Assisi weiter wachsen, im Wald des Heiligen Franziskus, dessen Schicksals sich die italienische Umweltschutzstiftung FAI angenommen hat. Olivenbäume werden hier die Kreise des Unendlichen formen in einem gigantischem Land Art-Werk, das Pistoletto im Mai 2010 begann. Mit einem Ochsengespann wurde die Erde gepflügt und die Frieden bringenden Pflänzchen gesetzt. Pistoletto glaubt an die Möglichkeit einer neuen Harmonie von Mensch und Natur. Er ist ein unverbesserlicher Weltverbesserer und scheut zur Verwirklichung seiner Träume keine Mittel. Vielleicht ist bei der Auffindung letzterer auch die Tatsache dienlich, dass sein Marktwert stabil ist. Vor allem seine Spiegelbilder sind begehrt und erzielen auf dem internationalen Kunstmarkt gute Zuschläge. Für  „Er und sie im Gespräch“  wurden 2008 bei Sotheby´s in London 409.250 Pfund geboten, „Christina geht vorüber“  kletterte im Juni 2010  bei Christie´s, ebenfalls in London,  auf 313.250 Pfund.

„Michelangelo Pistoletto: „Von Einem zu Vielen“

Ausstellung im MAXXI in Rom

bis 15. August 2011

www.fondazionemaxxi.it

www.cittadellarte.it

www.terzoparadiso.org

www.giannanannini.com

 

 

 

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