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27.11.2015

12:05 Uhr

Moderne und Gegenwartskunst

Zero ist nicht alles

VonSabine Spindler

Zwei Sammlungen haben der Auktion „Klassische Moderne“ bei Ketterer in München ein geradezu inflationäres Angebot an Werken von Gabriele Münter beschert. Top-Los ist mit einer Taxe von 600.000 bis 800.000 Euro eine auch heute noch provokante Kinderdarstellung von Egon Schiele. Doch Schlüsselwerke des Expressionismus fehlen. Bei der Nachkriegs- und Gegenwartskunst setzen Werke von Anselm Kiefer und Gerhard Richter Akzente.

Tief beeindruckt von Paul Cézanne und den Pariser Modernen malte Paula Modersohn-Becker 1901 die "Kinder vorm Bauernhaus" (ca. 46 x 55 cm). Die Arbeit aus einer Berliner Privatsammlung ist auf 300.000 bis 400.000 Euro taxiert. Quelle: Ketterer Kunst

Auf einfacher Malpappe

Tief beeindruckt von Paul Cézanne und den Pariser Modernen malte Paula Modersohn-Becker 1901 die "Kinder vorm Bauernhaus" (ca. 46 x 55 cm). Die Arbeit aus einer Berliner Privatsammlung ist auf 300.000 bis 400.000 Euro taxiert. Quelle: Ketterer Kunst

WienDas Auktionshaus Ketterer ist nicht unbedingt für überzogene Schätzwerte bekannt. Wenn der Münchener Versteigerer am 3. und 4. Dezember 2015 in seiner Auktion „Klassische Moderne“ mit mehr als 20 Losen im sechsstelligen Taxenbereich aufwartet, bedeutet das schlicht und einfach eine hohe Konzentration an Qualität. Erwartungen im Millionenbereich waren diesmal nicht drin.

Zur Taxe von 300.000 bis 400.000 Euro etwa kommt Paula Modersohn-Beckers ausdrucksvolle und mit melancholischer Stille erfasste Ölskizze „Kinder vorm Bauernhaus“ von 1901 zum Aufruf. Mindestens 450.000 Euro erwartet das Haus für Erich Heckels satte, lyrisch-expressionistische „Hügellandschaft“ von 1913.

Strumpfhalter und Federboa

Ketterers Glanzlicht aber ist Egon Schieles Zeichnung „Mädchen mit Federboa“ von 1910. Ein Meisterwerk des Wiener Expressionismus von ambivalentem Beigeschmack. Die purpurrote Federboa, ein über der Scham geöffnete Strumpfhalter und die leicht herabgerutschten lila Strümpfe lassen unschuldige Kinder-Nacktheit in Erotik umschlagen. Schon manch schwächere Arbeit Schieles ist teurer geworden als das auf 600.000 bis 800.000 taxierte provokante Blatt. In Sotheby´s Taubmann-Auktion wurden unlängst für einen Männerakt Schieles inklusive Aufgeld 3 Millionen Euro bezahlt.

Die Arbeit gehörte seit den 1970er-Jahren zur Sammlung einer westdeutschen Kaufmannsfamilie und ist jetzt von den Erben eingeliefert worden. Aus selber Quelle stammt auch das tiefblaue, nahezu abstrakte Gemälde “The Baltic (V-Cloud )“ von Lyonel Feininger. Die fast sakrale Meeransicht von 1946/47 ist auf 250.000 Euro taxiert.

Neusachlicher Poet

Das Sammlerpaar liebte ebenso die Murnauer Landschaften Gabriele Münters. Wie etwa die recht dynamische, stimmungsvolle „Straßendurchsicht“ zur Taxe 180.000 bis 240.000 Euro. Dasselbe Motiv als winterliche Version zur Taxe von 100.000 Euro gehörte einst der 2015 verstorbenen Sonntagsmalerin Hildegard Auer. Aus dieser Sammlung gelangen weitere Münter-Gemälde zur Versteigerung, so dass Ketterer insgesamt 20 Werke der Expressionistin aus dem Umkreis der „Blauen Reiter“ aufruft.

Wie der Markt auf diese Fülle reagiert, bleibt abzuwarten. Zumal zwei Tage zuvor auch Karl & Faber zur Taxe von 280.000 bis 340.000 Euro eine expressive Landschaftsimpression mit Abendhimmel und Neumeister eine koloristisch delikate Szenerie mit Kirchlein von 1911 für 300.000 bis 400.000 Euro anbieten.

Preislich einen kühnen Schritt wagt Ketterer allerdings mit einem Gemälde des neusachlichen Poeten Georg Schrimpf. Nachdem sein „Mädchen mit Hund“ vor einem Jahr von 40.000 auf mehr als 160.000 Euro (inkl. Aufgeld) kletterte, liegen die Erwartungen für „Stillende Mutter“ von 1919 gleich bei 140.000 Euro.

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