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29.06.2011

11:02 Uhr

Moser & Kermes

"Jeder Sänger ist besessen"

Einsamkeit und ein wenig Egoismus gehören zum Job, sagen die Opernsängerinnen Edda Moser und Simone Kermes. Mit KIRSTEN LUDOWIG und CLAUDIA SCHUMACHER haben sie über den Alltag in der Hochkultur gesprochen.

Edda Moser: "Einsamkeit ist die Grundbedingung des Berufs".

Edda Moser: "Einsamkeit ist die Grundbedingung des Berufs".

Handelsblatt: Frau Kermes, Sie singen demnächst ein Solokonzert mit dem Titel „Musikalische Grenzgänge“. Wie sah Ihr Tag aus?

Simone Kermes: Ich habe von eins bis vier geprobt, das gesamte Programm – von Rossini bis Bernstein, zum Schluss Rammstein. Momentan mache ich recht viel, ich habe fast jede Woche ein anderes Programm. Das ist recht anstrengend.

Frau Moser, ähnelt das Ihrem früheren Arbeitsalltag?

Edda Moser: Das Pensum war ähnlich hoch. Aber ich wurde damals vom Regisseur unterstützt und zum Inhalt geführt. Heute ist das Gegenteil der Fall. Ich bewundere die Sänger, weil sie ihre Künstlerschaft mit viel Überzeugungskraft gegen Regisseure durchsetzen müssen. Die Regisseure von heute wollen vor allem in die Zeitung. Aber Inszenierungen, die es in die Zeitung schaffen, sind meistens gegen den Strich gemacht. Das ist ihr Manko.

Was meinen Sie mit ,gegen den Strich gemacht’?

Moser: Die Aufgabe der Oper ist, dass sich der Mensch im Publikum auf der Bühne wiederfindet. Ich bin nicht gegen das Regietheater, aber es muss mit der Wahrheit zu tun haben. Die Wahrheit ist heute ein rares Gut. Das, was im Normalfall an Bühnen passiert, ist eine Schmach. Ich war bei einer Inszenierung von ,La Bohème’, da kroch die Mimi aus dem Kamin heraus, ein ,Salomé’ spielte im Bordell. Entsetzlich.
Kermes: Ja, schlechte Inszenierungen gibt es überall. Es ist eigentlich egal, wo man hingeht.

Aber viele Zuschauer wollen Action, auch auf der Bühne.
Moser: Das Gefährliche ist, dass unsere Zeit so laut ist. Überall, wo ich hinkomme – ob ins Kaufhaus oder ins Restaurant – ist Musik. Die Menschen ängstigen sich vor der Stille, denn in der Stille stehen sie sich selbst gegenüber. Aber nur wenn sie die Stille ab und zu zulassen, sehnen sie sich wieder nach Musik und kommen zurück in die Oper.

Kermes: Ich habe mich auf meiner letzten Solotour bewusst für viel ruhige Musik entschieden. Die Welt ist schnell und oberflächlich, die Menschen sind hungrig nach ehrlichen Gefühlen. Nach diesen tiefen Momenten in der Musik haben sie getobt. Wichtig ist, dass die Menschen berührt sind, in irgendeiner Art. Wir Künstler haben viel Verantwortung, denn wir können viel bewegen in den Seelen der Menschen.

Gibt es denn genügend Künstler, die das können?

Kermes: Nein, leider nicht. Ob es Intendanten, Regisseure oder Dirigenten sind – viele sind nicht mehr richtig qualifiziert. Es gibt noch ein paar, die haben ihr Handwerk gelernt. Sie haben ein Drehbuch und erwarten nicht, dass die Sänger von sich aus etwas anbieten. Wenn ich bei den Proben nur selber mein Ding mache, dann ist das sinnlos.

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