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08.01.2007

11:30 Uhr

Moskauer Theater-Etikette

Die hohe Kunst des Theater-Besuchs

Die Moskauer Hauptstadt bietet Kultur auf Weltniveau Das Moskauer Theater-Publikum ist sachkundig, interessiert, begeisterungsfähig – doch es folgt im Theater seiner ganz eigenen Etikette.

HB MOSKAU. „Das Theater beginnt an der Garderobe“, sagt eine russische Künstlerweisheit. Allabendlich wird in Moskau auf Dutzenden Bühnen gespielt - Oper, Ballett, Theater, Konzerte. Die russische Hauptstadt bietet Kultur auf Weltniveau, und in den Feiertagen um Neujahr ist das Programm besonders reich. Das Bolschoi-Theater lädt zum „Nussknacker“, im Konservatorium erklingt russische Symphonik, im Tschaikowski-Konzertsaal gibt es mitreißenden Jazz.

„Wollen sie ein Opernglas?“ fragen Moskauer Garderobenfrauen jeden Gast. Nur Unkundige machen die Entscheidung von der Nähe ihres Sitzplatzes zur Bühne abhängig. Das geliehene Opernglas, auf Russisch „Binokel“, gibt einem das Recht, nach der Aufführung den Mantel an der Warteschlange vorbei zu erhalten. Die Garderobenfrauen im Rentenalter verdienen sich mit der kleinen Gefälligkeit ein Zubrot von 20 bis 50 Rubel (1,50 Euro).

Seit sowjetischen Zeiten sind Moskauer Abendveranstaltungen auf arbeitnehmerfreundliche 19.00 Uhr angesetzt. Allerdings sind die Zuschauersäle um diese Zeit erst zur Hälfte besetzt. Ein richtiger Moskauer kommt zum dritten Gong. Seit der Geiselnahme im Musical- Theater „Nordost“ 2002 finden beim Einlass überall Sicherheitskontrollen statt. Das zusätzliche Schlangestehen vor den Metalldetektoren plant indes kaum jemand ein, so dass die Dirigenten den Stab meist mit einer Viertelstunde Verspätung heben.

Musik auf der Bühne ist auch noch kein Grund für Ruhe im Saal. Mit Erlöschen des Lichts versucht das Publikum, auf bessere Plätze vorzurücken: Man kann es ja mal versuchen. Tauchen im Halbdunkel die tatsächlichen Platzinhaber auf, beginnt eine Rücktauschaktion wie im Loriot-Sketch.

Von der obligatorischen Bitte um Ausschalten der Handys fühlt sich ein richtiger Moskauer nicht angesprochen. Also klingelt es, und zwar die ganze Vorstellung hindurch. Als besonders vergesslich gilt das Publikum im schicken Internationalen Haus der Musik. Aber auch im Moskauer Künstlertheater MChaT haben Zuschauer in der zweiten Hälfte von Tschechows „Möwe“ schon 15 Anrufe gezählt. In der Pause labt sich das Publikum an klassischer Theaterkost: „Buterbrody“ mit Lachs oder Käse, dazu Sekt oder Mineralwasser.

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