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01.04.2011

09:58 Uhr

Motivgeschichte

Bilder, die Künstler von Katastrophen zeichnen

VonSusanne Schreiber

Altmeistergemälde von Krieg und Feuersbrunst, Schiffbruch und Vulkaneruption leben vom „wunderbaren Entsetzen“ des Betrachters. Heute reflektieren Künstler Abstürze aller Art in gewaltigen Inszenierungen. Ein Überblick.

Thomas Hirschhorn: Installationsansicht aus "It's Burning Everywhere". Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2011, Foto: Ruth Clark

Thomas Hirschhorn: Installationsansicht aus "It's Burning Everywhere".

DüsseldorfEs brennt in den Konfliktzonen der Welt, und es brennt in der Kunsthalle Mannheim. „It’s Burning Everywhere“ heißt die Ausstellung von Thomas Hirschhorn – eine einzige 200 qm große Materialcollage (bis 13. Juni). Da legt ein kompromissloser Querdenker mit prophetischer Begabung den Finger in die Wunde unserer längst aus den Fugen geratenen Welt. Was der in Paris lebende Schweizer an Wohlstands-, Kitsch- und Medienmüll um einen entwurzelten Baum herumgruppiert hat, wirkt auf den Besucher wie ein alptraumhafter Abgesang auf unsere Konsumsucht und Glückssuche.

Billige Verpackungen, Schaufensterpuppen, Schockfotos aus Zeitung und Internet verdichten sich mit „armen Materialien“ wie Silberfolie, Plexiglas, Holzgerät zu einer apokalyptischen Assoziationslandschaft, die den Kapitalismus wenig gut ausschauen lässt. Mit fragmentierten Körpern, Torsi und Zerstümmelungen trägt der Künstler Krieg, Gewalt und Tod in einem bedrohlich wuchernden Raumbild ins Museum. „Chaos ist die Welt, in der ich lebe“, bekennt der Biennale- und Documenta-Teilnehmer, um den Besucher der Kunsthalle Mannheim mit kühler Kalkulation erst zu überwältigen (Masse) und dann zu überfordern (Anspielungen).

Heute lodert der Brand nicht wie im Mittelalter in den Altstädten, sondern in den Vorstädten

Ausgangspunkt für „It’s Burning Everywhere“ waren 2005 die Konflikte in den Vororten von Paris, wo der Künstler sein Atelier hat. Es brennt also nicht nur in der Fremde, sondern auch zu Hause. Des Künstlers Stellvertreter, die Schaufensterpuppen, haben sogar ein Loch im Bauch – sie leiden am Burn-out, verzehren sich von innen.

Feuer ist das Leitmotiv seiner Installation. Hirschhorn sieht das Element aber auch positiv – als Lagerfeuer unter Freunden, als Antriebskraft des Menschen. So politisch brisant die dreidimensionale Collage wirkt, Hirschhorn verzichtet bei den Bildern von Krisenherden mit voller Absicht auf konkrete Zuordnung. Seine Demonstranten könnten überall protestieren, seine Feuerwerfer könnten überall die bestehende Ordnung niederbrennen. Gerade deshalb ist dem mit Pappe und Klebeband wild inszenierenden Künstler Thomas Hirschhorn in Mannheim eine zeitlose Arbeit gelungen, die sich auch nach ihrer ersten Station 2009 im schottischen Dundee abermals als hochaktuell erweist.

Private und weltpolitische Katastrophen haben ihren Platz in der Kunst

Katastrophen haben gewaltige Auswirkungen auf die Menschheit und finden deshalb Eingang in die Kunst, meist im Nachhinein zur Mahnung, zum Gedenken. Doch immer wieder sind Künstler Seismografen, Analytiker, die die Gegenwart durchschauen und erkennen, was die Zukunft bringt. So einer ist auch Ludwig Meidner. Der Expressionist hat schon 1913 gemalt, wie die Erde bebt und Städte explodieren, wie ein Feuersturm das Land niederlegt und die politische Ordnung der Monarchie zerbricht.

Seit Meidners prophetischem Blick auf die herannahende Apokalypse des Ersten Weltkriegs haben private und weltpolitische Katastrophen ihren Platz in der modernen und zeitgenössischen Kunst. Otto Dix transportiert zwischen 1915 und 1918 psychisches Grauen und physische Bedrängnis aus dem Schützengraben per Feldpostkarte in die Heimat. Andy Warhol prangert 1967 die in den USA und anderswo praktizierte Todesstrafe mit seinem „Electric Chair“ an.

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