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20.05.2013

15:14 Uhr

Münchner Wissenschaftler

Spuren von Antisemitismus in Wagners Werk

Dass Wagner ein Judenfeind war, ist heute Konsens in der Forschungslandschaft. Dass diese Haltung aber auf sein Werk abfärbte, ist umstritten. Ein Wissenschaftler sieht sehr wohl Spuren von Antisemitismus in den Opern.

1933 errichtete der Künstler Richard Guhr dieses Wagner-Denkmal. Es gilt als weltweit größtes Wagner-Monument und zeigt Wagner als Gralsritter. dpa

1933 errichtete der Künstler Richard Guhr dieses Wagner-Denkmal. Es gilt als weltweit größtes Wagner-Monument und zeigt Wagner als Gralsritter.

MünchenDer Wissenschaftler und Wagner-Kenner Jens Malte Fischer sieht in Richard Wagners Werk Hinweise auf dessen Judenfeindlichkeit. „Ich gehöre zu der Minderheit, die sagt, es gibt Spuren von Antisemitismus in Wagners Werk. Die Mehrheit der Forscher trennt zwischen Person und schriftlichen Äußerungen auf der einen Seite und dem Werk auf der anderen Seite.“

Dass man das Thema Antisemitismus im Zusammenhang mit der Person Wagner überhaupt thematisiere, sei in der Forschung noch relativ neu, betonte Fischer. Inzwischen sei diese Tatsache aber allgemein anerkannt. „Der Streitpunkt ist: Ist das auch im Werk festzustellen?“ Fischer sagte, er sehe die Figuren Mime („Ring des Nibelungen“), Beckmesser („Die Meistersinger von Nürnberg“) und Kundry („Parsifal“) „zwar nicht vordergründig und eindeutig als Juden“, aber er sehe „durchaus Elemente und Anspielungen in Gestik, Singen und Musik, die in diese Richtung deuteten“. Für das Publikum im 19. Jahrhundert seien diese Hinweise gut zu verstehen gewesen - anders als beim heutigen Publikum. Denn im 19. Jahrhundert sei Antisemitismus allgegenwärtig gewesen. „Dafür gibt es auch Belege.“

Randnotizen zu Richard Wagner

Opernabende

Für das Jubiläumsjahr 2013 zeigt die Datenbank von „operabase.de“ weltweit 988 Aufführungen von 279 Produktionen in 124 Städten an. Freuen dürfen sich unter anderem Opernfans in der chinesischen Hauptstadt Peking Ende April auf „Der fliegende Holländer“ und Anfang Oktober in Südkoreas Hauptstadt Seoul auf „Parsifal“. Im vergangenen Jahr waren es 756 Aufführungen von 221 Produktionen in 101 Städten.

Für die Ewigkeit

Zur Zeit gibt es 17 Wagner-Denkmäler. Davon stehen zehn in Deutschland, drei in der Schweiz und je eines in Österreich, Italien, Spanien und England. Die drei größten finden sich in Berlin, München und im sächsischen Graupa bei Pirna. Das als weltweit größtes Wagner-Monument geltende Denkmal im Liebethaler Grund bei Pirna zeigt Wagner als Gralsritter. Das Teil aus Bronze hat eine Gesamthöhe von 12,5 Metern.

Kleiner Mann

Wagner soll nur 1,66 Meter groß gewesen sein. Den Mann von kleinem Wuchs und großem Kopf beschrieb der deutsche Schriftsteller Thomas Mann 1911 in einem Brief als „schnupfenden Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigem Charakter“.

Spaßvogel

Der Künstler war dafür bekannt, dass er seine Opern in historischen Kostümen komponierte. „Wo Wagner war, war Theater“, schreibt Joachim Köhler in seinem Buch „Der lachende Wagner“. Der Künstler selbst sei zwar zum „Inbegriff pompöser Selbstdarstellung und lächerlicher Selbstüberschätzung“ geworden. Dass er jedoch ein „begnadeter Spaßvogel“ gewesen war, sei bisher unbemerkt geblieben.

Notorische Geldnot

Wagners verschwenderischer Lebensstil war unter anderem der Grund, warum er häufig auf der Flucht vor seinen Gläubigern den Ort wechseln musste. Angeblich hatte er 18.000 Taler Schulden, als er sich Ende Mai 1849 wegen seiner Teilnahme am Dresdner Aufstand ins Schweizer Exil absetzte. Das waren zwölf Jahresgehälter, Wagner bezog als Kapellmeister jährlich 1500 Taler.

Wahre Liebe

Seine erste Frau Minna soll ihm in der Premierennacht seiner Oper „Rienzi“ am 20. Oktober 1842 in Dresden Lorbeerblätter ins Bett gelegt haben, damit er sich „auf seinen Lorbeeren ausruhen“ kann. Das Publikum hatte die Oper begeistert aufgenommen.

Treue Begleiter

Wagner war sehr tierlieb. Bis zu seinem Lebensende begleiteten ihn – in wechselnder Besetzung – vor allem bellende Vierbeiner. Selbst seine Bayreuther Grabstätte plante er so, dass er neben seinen Hunden liegen sollte. Wagner, sein Zwergspaniel Peps mit den hängenden Ohren und später der Papagei Papo galten als unzertrennlich. Er nannte sie in einem Brief an einen Freund „meine durch Gottes besondere Gnade und unbegreifliche Fügung ohne eheliche Zeugung und Geburt mir verliehenen Kinder, das Söhnlein Peps und das Töchterlein Papo“.

Wagners Antisemitismus äußerte sich vor allem in seiner Schrift „Das Judenthum in der Musik“, die er zunächst 1850 unter Pseudonym in einer Musikzeitschrift veröffentlichte. „1869 erschien eine weitere Fassung dann unter seinem richtigen Namen“, erläuterte Fischer. „Die Schrift hat erhebliches Aufsehen erregt, schließlich war Wagner um 1869 ein berühmter Mann. Der zweite Punkt ist, dass sich in den Tagebüchern von Wagners Frau Cosima zeigt, dass sich Wagner regelmäßig negativ über Juden ausgelassen hat.“

Im Ton sei Wagner sicherlich Durchschnitt gewesen, wenn man bedenke, dass Antisemitismus im 19. Jahrhundert weit verbreitet war und es Judenhass schon seit Jahrhunderten gab. Der Komponist sei aber der erste gewesen, „der Antisemitismus überträgt auf das Gebiet der Kunst, konkret auf das der Musik, und das in schriftlicher Form bringt.“ Gerade bei der zweiten Veröffentlichung des Aufsatzes sei er ein berühmter, wenn auch umstrittener Künstler gewesen. „Das hat der Sache Brisanz verliehen.“

Die Gründe für Wagners Judenfeindlichkeit seien nicht einfach zu definieren, sagte der Wissenschaftler. Beim jungen Wagner habe es offensichtlich Probleme mit jüdischen Geldverleihern gegeben. „Und dann kam Paris, wo er sich über längere Zeit hinweg aufhielt. Und da hatte er das Gefühl, der Musikbetrieb in Paris ist fest in jüdischer Hand. Das stimmte nicht, aber es kam ihm so vor.“ Der berühmteste Opernkomponist dieser Zeit sei Giacomo Meyerbeer gewesen. Er habe Wagner sehr geholfen, „aber dieser hat es ihm nicht gedankt, sondern er hat Konkurrenzneid entwickelt. Wagner versuchte, Meyerbeer zu übertreffen, was ihm ja auch gelungen ist.

Wagner-Glossar

B wie Bayreuth

Als Wagner kommt, ist Bayreuth ein Provinzstädtchen, dessen Bedeutung und Glanz im Barock verblasst ist. Wagner aber kann hier seine Festspielpläne verwirklichen. Heute sind die Festspiele und Wagner Bayreuths wichtigste Markenzeichen.

C wie Cosima

Wagners zweite Frau. Er spannt sie seinem Freund Hans von Bülow aus. Nach Wagners Tod 1883 wird Cosima Festspielchefin. Antisemitische und nationalistische Ideen sind unter ihrer Ägide salonfähig in Bayreuth. Stirbt 1930.

H wie Hund

Wagner ist großer Hundeliebhaber. Die Tiere begleiten sein unstetes Leben. Der Neufundländer „Russ“ ist sogar unweit des Wagner-Grabes vergraben worden. Dort steht: „Hier ruht und wacht Wagners Russ“.

I wie Isolde

Extrem herausfordernde Partie. Verlangt der Sängerin alles ab. Ohne Erfahrung und Mut geht da gar nichts. Deshalb ist auf der Bühne oft eine Isolde gesetzteren Alters zu sehen.

J wie Judentum

Der Antisemitismus ist die dunkle Seite Wagners und macht ihn zum umstrittenen Künstler. Sein Aufsatz „Das Judenthum in der Musik“ ist voller übler und abstoßender Verunglimpfungen. Nicht zuletzt deshalb ist Wagners Musik in Israel heute noch nicht akzeptiert.

P wie Parsifal

Wagners letztes Werk. Heißt Bühnenweihfestspiel. Sollte nach Wagners Wünschen eigentlich nur in Bayreuth aufgeführt werden. Ist heute natürlich auch anderswo zu sehen und zu hören.

R wie „Ring des Niebelungen“

Tetralogie. „Das Rheingold“, „Die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. Gesamtspieldauer ohne Pausen: circa 16 Stunden. Grundmotive aus der Nibelungensage und der nordischen Mythossammlung Edda. Uraufführung 1876 in Bayreuth.

T wie Tristan-Akkord

f - h - dis - gis. Im zweiten Takt des Vorspiels zu „Tristan und Isolde“. „Ein Akkord an der Grenze zur Dissonanz“ schreibt Dirigent Christian Thielemann. Mit dem Akkord öffneten sich „Höllentor und Himmelspforte zugleich“, er sei „der Code für die gesamte musikalische Moderne“. Der Akkord ist berühmt – aber nicht durchschaubar.

Y wie Youtube

Beim Videoportal liefert der Suchbegriff „Richard Wagner“ rund 93.000 Treffer. Beliebteste „Hits“ sind demnach der Walkürenritt, Siegfrieds Trauermarsch und das „Lohengrin“-Vorspiel. Den Brautchor aus „Lohengrin“ muss man allerdings oft als Keyboard-Version ertragen.

Dass Meyerbeer Jude war, hat bei Wagner zu einem antisemitischen Syndrom beigetragen.“ Animositäten habe Richard Wagner auch gegen Felix Mendelssohn Bartholdy und Heinrich Heine gehegt. Er habe seine negative Beurteilung dieser Menschen mit dem Judentum verbunden.

Jens Malte Fischer, bis 2009 Professor für Theaterwissenschaft in München, beschäftigt sich hauptsächlich mit der Kultur der Jahrhundertwende um 1900, der Geschichte der deutsch-jüdischen Kultur und des Antisemitismus und der Geschichte und Analyse der Oper. Zum Wagnerjahr hat er das Buch „Richard Wagner und seine Wirkung“ vorgelegt.

Von

dpa

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