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08.05.2014

09:58 Uhr

Nach Burger King

Wallraffs zweiter Coup in den Marseille-Kliniken

VonMarvin Schade
Quelle:Meedia.de

Nach Burger King und Zalando hat sich das „Team Wallraff“ Pflegeheime vorgenommen und schlimme Zustände in den Marseille-Kliniken aufgedeckt. Drei Gründe, warum dieser Report aber nicht so hohe Wellen geschlagen hat.

Nur 7,5 Minuten am Morgen haben die Mitarbeiter für die Bewohner der Marseille-Kliniken Zeit. dpa

Nur 7,5 Minuten am Morgen haben die Mitarbeiter für die Bewohner der Marseille-Kliniken Zeit.

Fernsehen Top Quoten, aber weniger Echo: Die jüngste Dokumentation des „Team Wallraff" vom vergangenen Montag hat weniger Reaktionen ausgelöst als die vorherigen Recherchen zu Burger King oder der „Extra"-Beitrag zum Versandhändler Zalando. Die Investigativ-Mannschaft ermittelte wieder, dieses Mal in zwei Pflegeheimen.

Unter dem Motto „Das Pflegedilemma: Am Ende ohne Würde”, schleuste sich eine Reporterin als Praktikantin in zwei Betriebe ein, um die Missstände der Pflegeindustrie aufzudecken. Und – wie zu erwarten – gelang dies: In einem Betrieb der Münchenstift GmbH sowie in einem Berliner Heim der Marseille-Kliniken AG dokumentierte Reporterin Pia Osterhaus, wie lediglich drei Pflegekräfte in der Frühschicht für 37 Senioren zuständig waren – macht 7,5 Minuten pro Bewohner, um die Alten zu wecken, auf die Morgentoilette zu gehen und zu füttern.

An anderer Stelle dokumentiert Osterheim, wie Pfleger eine gestürzte Bewohnerin erst fotografieren, bevor sie helfen. In der Berliner Residenz hat man zudem mit dem Norovirus zu tun gehabt. Der getarnten Reporterin wurde mit Entlassung gedroht, falls sie auf die Idee käme, die Behörden zu alarmieren.

Das kostet die Pflege in den Bundesländern

Bundesdurchschnitt

Pflege ist teuer. Im Schnitt müssen Personen, die sich nicht mehr selbst helfen können in Deutschland für die stationäre Versorgung in Pflegestufe I 1998 Euro monatlich bezahlen.

Für Pflegestufe II werden im Schnitt 2440 Euro monatlich fällig, für Pflegestufe III 2907 Euro monatlich. Einzelne Pflegebedürftige müssen deutlich mehr zahlen, denn die Kosten variieren je nach Bundesland stark.

Quelle: Morgen & Morgen

Baden-Württemberg

Für stationäre Pflegestufe I: 2186 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2623 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 3163 Euro monatlich

Bayern

Für stationäre Pflegestufe I: 2144 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2531 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2818 Euro monatlich

Berlin

Für stationäre Pflegestufe I: 2028 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2568 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2956 Euro monatlich

Brandenburg

Für stationäre Pflegestufe I: 1717 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2036 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2548 Euro monatlich

Bremen

Für stationäre Pflegestufe I: 1769 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2424 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2860 Euro monatlich

Hamburg

Für stationäre Pflegestufe I: 2012 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2589 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 3173 Euro monatlich

Mecklenburg-Vorpommern

Für stationäre Pflegestufe I: 1660 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2056 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2468 Euro monatlich

Niedersachsen

Für stationäre Pflegestufe I: 1815 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2204 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2603 Euro monatlich

Nordrhein-Westfalen

Für stationäre Pflegestufe I: 2235 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2785 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 3357 Euro monatlich

Rheinland-Pfalz

Für stationäre Pflegestufe I: 2029 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2424 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 3082 Euro monatlich

Saarland

Für stationäre Pflegestufe I: 2136 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2665 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 3187 Euro monatlich

Sachsen

Für stationäre Pflegestufe I: 1545 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 1882 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2375 Euro monatlich

Schleswig-Holstein

Für stationäre Pflegestufe I: 1967 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2329 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2696 Euro monatlich

Thüringen

Für stationäre Pflegestufe I: 1622 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2000 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2454 Euro monatlich

Sachsen-Anhalt

Für stationäre Pflegestufe I: 1639 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe II: 2005 Euro monatlich

Für stationäre Pflegestufe III: 2297 Euro monatlich

Wieder einmal ist es Günter Wallraff und seinem Team gelungen, einen gravierenden Missstand öffentlich zu machen. Obwohl das Thema der Altenpflege und auch würdevolles Altern von hoher gesellschaftlicher Relevanz ist, fallen die Reaktionen im Vergleich zum Burger-King-Skandal geringer aus.

Die Gründe dafür:

Fast Food ist beliebter als das Altwerden

Das Thema Altern und eine mögliche Pflegebedürftigkeit betrifft zwar im Prinzip jeden. Dennoch wird es von vielen verdrängt oder tabuisiert. Und genau hier könnte ein Grund liegen. Fast-Food-Ketten sind berüchtigt. Ihr Ruf, günstiges Essen auch unter möglichst billigen Bedingungen zu produzieren, eilt ihnen voraus.

Die Wallraff-Reportage über mangelnde Hygienezustände in Restaurants eines Franchisenehmers mit über 90 Burger-King-Filialen war Auslöser und Grund für die Zuschauer und Restaurant-Kunden gegen die Kette anzugehen. Anders als bei der US-Kette gibt es beim Thema Pflege keine griffige und allgemein bekannte Marke, auf die sich die Kritik konzentrieren könnte. Zwar gerät auch die Pflegebranche zunehmend unter Druck der Öffentlichkeit. Allerdings hat sie ein bisher eher positives Image.

Kommentare (4)

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08.05.2014, 10:41 Uhr

Dass der Beitrag zu wenig beachtet wird, liegt wirklich daran, dass sich so gut wie keiner interessiert wie es den "Alten" im Pflegeheim ergeht.

Die Menschen verdrängen, dass jeder von uns evtl. dort landen kann. Jeder hofft zwar nie dort leben zu müssen, aber es kann manchmal schneller gehen als man denkt.

Es ist kaum Personal für persönliche Betreuung da und deshalb wird gerne mit Medikamenten für Ruhe gesorgt! Das hat mir u.a. auch ein Pfleger bei einem Gespräch bestätigt.

Man kommt auf eine Station und die meisten der Menschen sitzen im Rollstuhl und dösen vor sich hin bzw. schlafen.

Es ist ein warten auf das nächste Essen und wieder schlafen und essen.....

Unmenschlich und grausam, keiner sieht hin vor allem nicht die Politik die verantwortlich ist!

Account gelöscht!

08.05.2014, 10:58 Uhr

Der Fisch stinkt vom Kopfe her

Diese menschenunwürdigen Zustände sind ja nun weder neu, noch Einzelfälle. Das, was das Team Wallraff aufgedeckt hat, kann ich aus eigener Erfahrung aus einem Hamburger Pflegeheim bestätigen - in dem mein Vater noch bis vor kurzem "gepflegt" wurde.
Was ich nicht begreife, ist, dass ansich der Staat der Hauptverantwortliche in der Sache ist. Denn die elende Privatisierung im Sozial- und Gesundheitswesen sind ja nun dort initiiert worden. Die Verantwortung auf die ausführenden Organe auszulagern und so den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ist natürlich recht einfach.

Nein, es ist Aufgabe des Staates, einzugreifen. Am besten, diesen Privatisierungsquatsch rückgängig zu machen oder künftig zu unterbinden.

Account gelöscht!

08.05.2014, 11:01 Uhr

Es ist eine Schande unserer Gesellschaft wie die alten Leute behnadlet werden. Selbst Pflegekräfte aus dem Ausland wenden sich mit Grausen ab wen sie die Zustände in deutschen Heimen sehen. Die Benotungen sind ein Witz. In meiner Nähe hat ein Diakonie-Pflegedienst und ein Heim die Notge 1,0 erhalten, die dortigen Zustände sind unhaltbar. Verdurstende und wundgelegene Heimbewohner, viel zu wenig Pflegekräfte. Keiner truat sich zu beschweren, weder die Angestellten, noch die Angehörigen.

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