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07.10.2014

12:33 Uhr

Nachkriegsliterat

Siegfried Lenz ist tot

„Deutschstunde“, „Heimatmuseum“, „So zärtlich war Suleyken“: Der bedeutende deutsche Autor Siegfried Lenz ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Lenz engagierte sich politisch für die Aussöhnung mit Polen und Israel.

Schriftsteller

Siegfried Lenz verstorben

Schriftsteller: Siegfried Lenz verstorben

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HamburgSiegfried Lenz, einer der großen Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur, ist tot. Lenz starb am Dienstag im Alter von 88 Jahren im Kreise der Familie, wie der Verlag Hoffmann und Campe mitteilte. Lenz' wichtigstes Werk ist der in viele Sprachen übersetzte und verfilmte Roman „Deutschstunde“ (1968) über die Nazizeit und einen falsch verstandenen Pflichtbegriff.

Der Ostpreuße galt aber vor allem als ein Meister der Erzählung. Dafür stehen humorvolle Bände wie „So zärtlich war Suleyken“ (1955) oder „Lehmanns Erzählungen“ (1964). Vor drei Jahren (2011) erschien sein letzter Erzählband „Die Maske“

Seit Jahren war Lenz gesundheitlich schwer angeschlagen. Bereits auf den Rollstuhl angewiesen, hatte der Autor in den letzten Jahren ein Appartement in einer Hamburger Senioren-Residenz an der Elbchaussee mit freiem Blick auf den Elbstrom. Im September 2013 besuchte er noch das Hamburger Filmfest und sah sich die Verfilmung seiner Kurzgeschichte „Die Flut ist pünktlich“ an.

Neben den Nobelpreisträgern Heinrich Böll und Günter Grass gehörte Lenz zu jenen Autoren, die die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Aussöhnung insbesondere mit Polen und Israel als Lebensaufgabe verstanden. Bei einem Festakt zum 85. Geburtstag (17.3.2011) in Hamburg würdigte der damalige Bundespräsident Christian Wulff, wie sehr Lenz zum wiedergewonnenen Ansehen Deutschlands nach dem Krieg beigetragen habe.

Der Börsenverein würdigte Lenz 1988 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Noch im hohen Alter gelang Lenz mit seiner ersten Liebesnovelle „Schweigeminute“ ein Bestseller.

Die „Deutschstunde“ (1968) gilt als Lenz' Schlüsselwerk zur Aufarbeitung der Nazizeit und historischer Schuld. Darin geht es um einen Vater-Sohn-Konflikt - stellvertretend für die Kriegsgeneration und die rebellierende Folgegeneration - sowie um die fatalen Folgen eines unkritischen Pflichtbewusstseins in der NS-Zeit.

Unter anderem Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) würdigte Lenz als „Ausnahmeerscheinung in der Weltliteratur“. „Mit Siegfried Lenz verliert unser Land einen der herausragenden Literaten seiner Nachkriegsgeschichte, eine intellektuelle Persönlichkeit“, schrieb Lammert am Dienstag in seinem Kondolenzschreiben an die Familie des Schriftstellers.

Lenz habe mit Blick auf seine Zeit, auf die Wohlstandsjahre der noch jungen Bundesrepublik, das Außerordentliche gewagt: „Er fragte nach der Not, nach der Mitschuld und Mitverantwortung des Einzelnen in der Zeit des Nationalsozialismus“, so Lammert.

Werke von Siegfried Lenz

„So zärtlich war Suleyken“ (1955)

Liebeserklärungen an seine ostpreußische Heimat Masuren nannte Lenz die 20 Geschichten und Skizzen, in denen er raffiniert und witzig Begebenheiten aus dem erfundenen Dorf Suleyken erzählt. Die Holzarbeiter, Fischer, Bauern und Handwerker dort erleben viel Denkwürdiges (Quelle: dpa).

„Deutschstunde“ (1968)

Der erfolgreichste Roman des Autors handelt von einem falsch idealisierten Pflichtbegriff und seinen verheerenden Folgen. Er thematisiert das Verhältnis von Macht und Kunst am Beispiel des Malverbots für den Künstler Jansen - Vorbild war Emil Nolde. Zudem geht es um einen Vater-Sohn-Konflikt. Die Geschichte von Siggi Jepsen, der einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben muss, gilt international als gelungene literarische Aufarbeitung der jüngeren deutschen Vergangenheit.

„Heimatmuseum“ (1978)

Auch in diesem Roman greift Lenz das Thema Vergangenheitsbewältigung auf. Anhand eines Klinikpatienten, der sein Leben überdenkt, führt er das Problem der deutschen Nachkriegsgesellschaft vor. Der Ich-Erzähler hat sein mühsam errichtetes masurisches Museum angezündet, um das Erbe seiner verlorenen Heimat vor Ideologisierung zu retten.

„Ein Kriegsende“ (1984)

In der Erzählung geht es um den Konflikt von Gehorsam und Verantwortung, Kriegsrecht und Menschlichkeit. Ein deutscher Minensucher verlässt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs einen dänischen Hafen mit dem Auftrag, Verwundete an Bord zu nehmen, und wird unterwegs von der Nachricht der Kapitulation überrascht. Der Kommandant will den Auftrag ausführen, die restliche Besatzung ist dagegen.

„Schweigeminute“ (2008)

In der schmalen Novelle geht es um die Liebe zwischen einem 18-jährigen Gymnasiasten und seiner etwa 30 Jahre alten Englischlehrerin. Die berührende und tragische Geschichte über Glück und Trauer schaffte es auf Platz zwei der „Spiegel“- Bestsellerliste.

„Landesbühne“ (2009)

Die Summe seiner existenzialistischen Lebenssicht konzentriert Lenz in dieser weisen Novelle. Eine Gruppe Strafgefangener bricht aus mit dem Bus der Landesbühne. In einem Ort irgendwo in Schleswig-Holstein spielen die fürs Ensemble gehaltenen Gefangenen selber Theater, feiern, leben auf. Das Buch ist eine Hommage an die Lebenssinn und Lebensfreude schenkende Kraft der Kultur, aber auch ein Bekenntnis zu menschlichen Werte wie Freundschaft.

„Die Maske“ (2011)

In der Titelgeschichte dieses Bandes mit fünf Erzählungen setzt sich Lenz mit Rollenverhalten dem wahren Charakter von Menschen auseinander.

SPD-Chef und Vizekanzler Sigmar Gabriel betonte, Lenz sei „einer der großen Chronisten der Nachkriegszeit“ gewesen. Bestseller wie „Deutschstunde“ und „Heimatmuseum“ gehörten zum literarischen Kanon Deutschlands. „Er hat wie kein anderer in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts uns Menschen mit seinen Romanen und Novellen begleitet.“ Er sei zudem der Sozialdemokratie - von dem Engagement für Willy Brandt und dessen Ostpolitik bis zum gerade erschienenen Gesprächsbuch mit Helmut Schmidt - zutiefst verbunden gewesen.

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