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07.01.2015

12:30 Uhr

Neues Houellebecq-Buch

Angstvision eines islamischen Frankreichs

Islamisierung des Westens: Das neue Buch von Michel Houellebecq ist eine politische Fiktion mit reichlich Zündstoff. Frankreichs Staatschef François Hollande hat vor Panikmache gewarnt.

Michel Houellebecq setzt mit seinem jüngsten Buch „Unterwerfung“ ein hochsensibles Thema literarisch um. AFP

Michel Houellebecq setzt mit seinem jüngsten Buch „Unterwerfung“ ein hochsensibles Thema literarisch um.

ParisFrankreich im Jahr 2022: An der Universität Paris IV – Sorbonne prangt der Halbmond, die Studentinnen tragen Schleier und in den Supermärkten ist die Abteilung für koschere Lebensmittel verschwunden. Mit seinem jüngsten Buch „Unterwerfung“ setzt Michel Houellebecq (56) ein aktuelles und hochsensibles Thema literarisch um: die angebliche Islamisierung des Westens.

Der Roman, der an diesem Mittwoch in Frankreich erscheint, verspricht heftige Debatten und Reaktionen. In Deutschland kommt die politische Fiktion am 16. Januar in den Buchhandel.

Sein Roman sei keine Provokation, erklärte Houellebecq in einem Interview in der amerikanischen Literaturzeitschrift „The Paris Review“ vor wenigen Tagen. Er beschleunige nur die Geschichte einer möglichen Entwicklung, erläuterte der Bestseller-Autor weiter. Das Interview ist bislang das einzige, das der Autor zum Buch gegeben hat. Es wurde teilweise in deutscher Übersetzung in der „Welt am Sonntag“ veröffentlicht.

„Unterwerfung“ (im Original: „Soumission“) spielt am Ende von zwei Mandaten von Staatschef François Hollande. Die Präsidentschaftswahlen stehen an. Der rechtsextreme Front National (FN) strebt nach der Macht. Um einen Sieg der FN-Chefin Marine Le Pen zu verhindern, gründen Sozialisten und Konservative eine republikanische Front zur Unterstützung des gemäßigten muslimischen Kandidaten Mohammed Ben Abbes. In Paris kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Identitären und jungen Dschihadisten.

Konservative und Rechte: Wer sagt was zu Integration und Islam?

Debatten

Die Debatte um Zuwanderung, Asyl, Integration und den Islam in Deutschland wird immer schriller. Kleinster gemeinsamer Nenner ist die Ablehnung radikaler islamistischer Tendenzen. Die Grenze zwischen „Anti-Islamismus“ und Rassismus ist dabei aber oft nicht klar erkennbar. Einige Positionen dazu:

Quelle: dpa

Politischer Islam und Salafismus

- „Stoppt die Islamisierung Europas!“ lautet der zentrale Slogan der „Pegida“. Die Bewegung will nach Angaben der Organisatoren der Dresdner Demonstrationen „gewaltfrei und vereint gegen Glaubenskriege auf deutschem Boden“ kämpfen.

- Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt: „Wir haben keine Gefahr der Islamisierung.“

- Die AfD ist „zunehmend besorgt über den Einfluss und die Gewaltbereitschaft der Islamisten in Deutschland“.

Islam

- Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner und der CDU-Bundestagsabgeordnete Jens Spahn fordern ein Burka-Verbot. In der Partei ist das umstritten. Spahn: „Burka geht gar nicht.“ Klöckner findet, es sei nicht akzeptabel, dass die Frauenverhüllung von linken Politikern als Ausdruck „kultureller Vielfalt“ verstanden werde.

- Bei der „Hogesa“ (Hooligans gegen Salafisten) heißt es plakativ: „Keine Scharia in Europa“.

- Die NPD behauptet: „Das sichtbarste Zeichen der ungebremsten Überfremdung unseres Landes ist die expansive Ausbreitung des Islam.“

Deutsche Identität

- Die Angst vor einem vermeintlichen Verlust der deutschen kulturellen Identität schürt vor allem die Bewegung „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ („Pegida“). Eine Rednerin sagte kürzlich bei einer Veranstaltung des Düsseldorfer Ablegers der Bewegung („Dügida“): „Heimat, Freiheit und Tradition“ sollten in Deutschland wieder wichtiger genommen werden. Es gehe darum, „die eigene Identität zu verteidigen“.

- Sachsens AfD-Fraktionschefin Frauke Petry fordert: „Mehr deutschsprachige Lieder im öffentlich-rechtlichen Rundfunk“.

Zuwanderung und Asyl

- FDP und AfD plädieren für das kanadische Modell: Einwandern sollen nur Fachleute aus Bereichen, in denen Arbeitskräfte fehlen. Der Familiennachzug wird eingeschränkt. Das Recht auf Asyl für politisch Verfolgte wird nicht angetastet. Die AfD favorisiert „heimatnahe“ Hilfe für Bürgerkriegsflüchtlinge.

- Die CDU/CSU fordert: „Bei Armutszuwanderung zügig handeln“.

- Die „Hogesa“ schürt vor allem Ängste in der bildungsfernen Unterschicht. In einem Lied heißt es wörtlich: „Alt, arm, obdachlos, einfach ausrangiert - doch für Fremde wird frisch renoviert.“

Integration

- Die CSU will Migranten, die dauerhaft in Deutschland leben wollen, motivieren, im täglichen Leben Deutsch zu sprechen.

- Der neue Chef der Jungen Union, Paul Ziemak, erntete auf dem JU-Deutschlandtag Applaus für Sätze wie „Wer die Scharia mehr achtet - da hilft kein Integrationskurs, da hilft nur Gefängnis“.

Das Szenario seines Buches verspricht Polemik, nicht nur von Seiten empfindlicher Muslime. Der Autor von „Elementarteilchen“ spielt seine Zukunftsvision mit realen Politikern durch. Vor allem der Zentrumspolitiker François Bayrou, Premierminister des neuen fiktiven Präsidenten Abbes, bekommt sein Fett als „politisch konturloses Tier“ und „Idiot“ ab.

Houellebecq gilt als „enfant terrible“ des französischen Literaturbetriebs. In „Plattform“ stieß der Schriftsteller 2001 mit seiner Rechtfertigung des Sextourismus in Thailand vor den Kopf. Noch im selben Jahr bezeichnete er in einem Interview den Islam als die „dümmste“ Religion.

Kommentare (22)

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Herr Marcel Europaeer

07.01.2015, 12:56 Uhr

Sicher ein Buch, welches sicher die Angstfantasien von isamophoben Zeitgenossen nährt und ansonsten den Geldbeutel des Autors füllen wird.

Von solchen Autoren haben wir in Deutschland auch einige.

Herr Paule 50

07.01.2015, 13:29 Uhr

Das ist der französische Sarrazin!

Herr C. Falk

07.01.2015, 14:54 Uhr

Michel Houellebecq ist sicher einer der interessantesten französischen , wenn nicht europäischen Autoren, der die Situation im Europa des "alternativlosen" Spätkapitalismus, wo alles zur Ware wird auf glänzende Weise, die "erleuchtet und verstört" auf den Punkt bringt.

Ich habe alle seine Bücher gelesen, von "Elemetarteilen" bis zur "Plattform" u.s.w. Die "Unterwerfung" und nichts anderes ist die Ursprungsbedeutung von "Islam" könnte von einem deutschen Autor nicht geschrieben werden, das ist nur in Frankreich möglich, in einem Land mit einer großartigen literarischen Tradition und Schriftstellern,
die visionär kommende Wirklichkeiten zu erkennen vermögen.

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