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27.10.2014

14:17 Uhr

Nuhr-Diskussion

„Satire über radikale Islamisten ist viel zu harmlos“

VonDésirée Linde

ExklusivDieter Nuhr wurde wegen islamkritischer Gags angezeigt. Einer seiner Ex-Autoren, Dirk Roß, findet: Das Kabarett sollte den Islam genauso kritisieren wie die katholische Kirche. Von seinen Kollegen fordert Roß mehr Mut.

Erhat Toka zeigt Kabarettist Dieter Nuhr an: Satire darf laut Kurt Tucholsky alles, ist aber in Deutschland gegenüber radikalen Islamisten zu zahm, sagt Comedy-Autor Roß. dpa

Erhat Toka zeigt Kabarettist Dieter Nuhr an: Satire darf laut Kurt Tucholsky alles, ist aber in Deutschland gegenüber radikalen Islamisten zu zahm, sagt Comedy-Autor Roß.

DüsseldorfComedy-Autor Dirk Roß fordert nach der Anzeige gegen den Comedian Dieter Nuhr wegen angeblicher Islamhetze mehr Kritik an radikalen Islamisten in Kabarett und Comedy. „Ich denke tatsächlich, wenn man den gleichen Maßstab anlegt, den das Kabarett an die Katholische Kirche hält, dann ist eigentlich alles, was man über radikale Islamisten sagt und bisher von (den wenigen) Kabarettisten dazu gehört hat, noch viel zu harmlos“, sagte der freie Autor dem Handelsblatt.

So, wie man nicht alle gläubigen Katholiken angreife, wenn man die Katholische Kirche als Institution kritisiere, so müsse man das auch entsprechend der vielen Strömungen im Islam differenzieren, sagte der Autor.

Roß hat mit Nuhr zusammengearbeitet und schreibt derzeit für den Comedian Kaya Yanar. Für die Passagen in Nuhrs Programm, für die Nuhr von einem Muslim aus Osnabrück angezeigt wurde, zeichnet Roß, der auch schon als Kolumnist für das Handelsblatt geschrieben hat, allerdings nicht verantwortlich.

Salafisten – radikale Islamisten mit Verbindung zum Terror

Wer sie sind

Die Salafisten sind eine religiöse und politische Bewegung des Islam, die nur von einer kleinen Minderheit der Muslime getragen wird. Sie lehnen westliche Demokratien ab und sehen eine „islamische Ordnung“ mit islamischer Rechtsprechung (Scharia) als einzig legitime Staats- und Gesellschaftsform an.

Was sie wollen

Salafisten vertreten einen rückwärtsgewandten Ur-Islam und lehnen jede theologische Modernisierung ab. Das arabische Wort „Salaf“ steht für: Ahnen, Vorfahren. Viele Salafisten tragen lange Bärte und weite Gewänder. Sie vertreten diskriminierende Positionen gegen Frauen und bestehen auf deren Vollverschleierung.

Wie viele Anhänger sie haben

In Deutschland zählen die Salafisten oder Neosalafisten knapp 6300 Anhänger, bis Ende des Jahres sieht der Verfassungsschutz die Zahl bei 7000. 1800 seien bereits nach Syrien oder in den Irak gezogen, um mit dem Islamischen Staat (IS) zu kämpfen. Teile der Bewegung stehen beim Verfassungsschutz im Verdacht, ein Sammelbecken für gewaltbereiten Islamismus zu sein und Verbindungen zu Terrornetzwerken zu pflegen.

Wen sie beeinflussen

Aus der größten Terrorvereinigung Algeriens, der „Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf“ ging die Terrororganisation „Al-Kaida im islamischen Maghreb“ hervor. In der Bundesrepublik stand die terroristische Sauerland-Gruppe unter salafistischem Einfluss. Fast alle Islamisten in Deutschland, die den Dschihad (Heiligen Krieg) befürworten, sind laut Verfassungsschutz mit dem Salafismus in Berührung gekommen.

Der Osnabrücker Erhan Toka wirft Nuhr Beschimpfung von Religionsgemeinschaften vor. Der Comedian hatte den Vorwurf zurückgewiesen und zugleich den Großteil seiner Kollegen beschuldigt, sich nicht kritisch mit dem Islam auseinanderzusetzen. „Die ziehen dann halt den Schwanz ein. Sonst wäre man ja ,islamophob'“, sagte Nuhr der „Welt am Sonntag“. Angst habe er nicht. „Ich beleidige ja auch weder die Religion noch den Propheten“, sagte Nuhr.

Auch wenn Roß sich ebenfalls mehr Kritik an radikalen Islamisten wünscht, so hat er auf der anderen Seite auch Verständnis für die Haltung der meisten Comedians und Kabarettisten. Viele, wie etwa sein derzeitiger „Chef“ Kaya Yanar, für den Roß bei „Geht´s noch?! – Kayas Woche“ schreibt, umschifften das Thema.

Yanar möchte laut Roß das Thema Religion insgesamt aus seinen Sendungen heraushalten, und „das schon immer – und nicht erst seit es Salafisten und prassende Bischöfe gibt. Nicht jeder Comedian oder Kabarettist ist mit jedem Thema glaubwürdig“, sagt Roß.

Dirk Roß, Jahrgang 1972, ist freier Autor, schreibt hauptsächlich für verschiedene Fernsehformate und lebt in Essen. Dirk Roß/privat

Dirk Roß, Jahrgang 1972, ist freier Autor, schreibt hauptsächlich für verschiedene Fernsehformate und lebt in Essen.

Wie schwer es sei, das Thema Religion als Gagschreiber unterzubringen, versucht Roß mit einem Beispiel zu verdeutlichen: „,Ich verstehe die ablehnende Haltung der Deutschen gegenüber Salafisten nicht, wo doch hierzulande Mittelaltermärkte so beliebt sind.' – So einen Gag könnte ich derzeit nicht verkaufen. Nicht wegen der Salafisten, sondern weil sich die ganzen Mittelalter-Fans vor den Kopf gestoßen fühlen würden.“

Ironisch und nicht ganz ernst gemeint hatte Roß zuerst auf die Anzeige gegen Nuhr reagiert. „Prinzipiell finde ich es unfassbar, dass Dieter Nuhr auf dem Rücken lammfrommer Salafisten versucht, mehr Tour-Tickets zu verkaufen“, sagte er.

Freiheit für Toka, Freiheit für Nuhr

Video: Freiheit für Toka, Freiheit für Nuhr

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Kommentare (27)

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Julia Forst

27.10.2014, 16:58 Uhr

Ich habe vor kurzem ein Interview gelesen von Herrn Toka - und zwar auf dem vom Verfassungsschutz beobachteten Muslimmarkt. Und hier konnte ich ihm sogar in weiten Teilen zustimmen. So viel vorweg.

Da ich aber dennoch denke, dass der Islam kritisiert werden darf und muss, vertrete ich den hier dargestellten Standpunkt. Aber: es wird WIEDERMAL genau derselbe Fehler gemacht wie eh und je. Hier fordert man, man dürfe doch wohl den "radikalen"! Islam kritisieren. Der nicht-radikale Islam ist also immer noch Tabu? Wenn man schon mit der katholischen Kirche vergleicht: hier wird nicht nur Radikales satirisch ins Lächerliche gezogen, nein, sogar der Papst wird in seinem eigenen Urin abgebildet. Dennoch: wieder spricht man hier nur von der Erlaubnis, nur den radikalen Islam kritisieren zu dürfen? Verblüffend, dass uns schon gar nicht mehr auffällt, wie sehr die PC in unser Denken eingedrungen ist.

Es ist SELBSTVERSTÄNDLICH, dass man den radikalen Islam kritisiert! Es geht darum, ob man auch den Islam kritisieren darf. Und darauf MUSS die Antwort ganz eindeutig lauten: ja! Und Satire muss hier erlaubt sein. Das! ist der Casus knacksus, um den sich leider auch hier wieder gedrückt wird.

Und moderate Muslime werden diese Kritik entweder gleichgültig oder sogar fruchtbar für sich aufnehmen - dessen bin ich mir sicher und hier sollte unsere Politik ruhig ein wenig mehr Vertrauen in die moderaten Muslime setzen, deren Präsenz in diesem Land sie schließlich nicht umsonst ein ums andere Mal betont!

Frau Baur- Warendorf

27.10.2014, 17:42 Uhr

Religion ist Quatsch.

Wenn die einen einen Esel anbeten, die anderen sich am Glied schnippeln lassen, in Ordnung.

Nur sollen diese rückständigen Kulturen dann bitte in IHREN Ländern und Regionen bleiben und anderen keine Toleranz abverlangen für ihre albernen Weltanschauungen.

Das wir uns für fortschrittlich halten, indem wir Hinterwäldlern in unserem Land gestatten, deren religiöse Kulte zu unseren Lasten auszuleben, da darf man doch zweifeln und sollte Kritik üben dürfen. Kritik an den Befürwortern für eine Reise zurück in der Zeit.

Herr Ylander Ylander

27.10.2014, 18:08 Uhr

Ich wünsche mir eine mutige, entschlossene Rechtsprechung, welche klare Worte findet, wenn schon die Politik, insbesondere in NRW, dazu zu feige ist. Schluss mit der Demontage unseres Landes!

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