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18.04.2012

10:01 Uhr

Nur noch Selbstläufer?

Medienwissenschaftler schreibt „Tatort“ tot

„Immer der gleiche Brei“: Medienwissenschaftler Dennis Gräf demontiert den Mythos „Tatort“. Immer konservativer werde der Sonntagskrimi - und lebe fast nur noch von der mythischen Verklärung im Social Web.

Der „Tatort“ im Fadenkreuz der Kritik. dpa

Der „Tatort“ im Fadenkreuz der Kritik.

PassauDer Medienwissenschaftler Dennis Gräf hält die ARD-Krimireihe „Tatort“ für veraltet. Der Erfolg des Formats habe nichts mit den Inhalten oder den Darstellungstechniken zu tun, „denn die sind auf dem Stand von vor 40 Jahren. Das ist langweilig“, sagte der Wissenschaftler von der Universität Passau der Nachrichtenagentur dapd.

Vielmehr werde der „Tatort“ vor allem beim jüngeren Publikum dadurch zum Selbstläufer, dass in sozialen Netzwerken behauptet werde, es handele sich um etwas Besonderes. „Aber das ist nicht so“, kritisierte Gräf. Stattdessen werde der „Tatort“ immer konservativer und die Norm- und Wertevermittlung „immer gruseliger“. Täter und Opfer seien meist Randgruppen wie Schwule, Lesben oder Ausländer. Dass der „Tatort“ dennoch sehr hohe Einschaltquoten erziele, sei für ihn „sehr verwunderlich“.

Das ursprüngliche Erfolgsrezept der Sendung, die regionale Anbindung, funktioniere offenbar auch heute noch, räumte Gräf ein, der sich unter anderem in seiner Doktorarbeit mit der Sendung auseinandergesetzt hat. Der „Tatort“ biete den Zuschauern Stoffe aus der Region. Diese könnten sich zudem mit den Geschichten aus der Lebensrealität, die sich meist um Probleme wie Hartz IV oder soziale Ungleichheiten drehten, identifizieren.

Dass der neue Hamburger Kommissar Til Schweiger, der bislang vor allem in Komödien spielte, das Image der Krimireihe beschädigen könnte, glaubt Gräf nicht. „Es ist eigentlich egal, wen man da hinstellt“, sagte er. Der „Tatort“ habe sich so sehr verselbstständigt, dass die Besetzung keine Rolle spiele. Dabei gehe es „immer um den gleichen Brei“.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

18.04.2012, 10:46 Uhr

Ich bin mir sehr sicher, dass der Tatort - gerade wegen seiner Vielfalt der Figuren und Spielorte - noch immer sehr erfolgreich sein wird, wenn man den Namen des Wichtigtuers von der "Medienwissenschafts-Fraktion" längst vergessen hat. Wie hieß er noch gleich? Ouups, schon passiert.

silent_water

18.04.2012, 11:41 Uhr

Sonntag abend ist Tatort-Zeit. Generationenübergreifend hohe Einschaltquoten. Verwunderlich? Nein, weil vielfältig, spannend, sympathisch und sozialkritisch. Der Medienexperte wundert sich vermutlich genauso über die kaum mehr vorhandene Einschaltquote der neuen und "innovativen" Vorabendsendung "G live", deren Ableben wir dankbarerweise grade erleben dürfen. Der Tatort inklusive Vorspann hat Kultstatus und dass die Sendung sich trotzdem weiterentwickelt, haben unlängst hervorragend der letzte Wien-Tatort sowie die Doppelfolge Köln-Leipzig gezeigt.

Numismatiker

18.04.2012, 11:51 Uhr

@ r.jonasson:

Vollkommen richtig.

"Medienwisssenschaftler" ist auch so ein Beruf, bei dem Leute Geld fürs Nichtstun/heiße Luft erzeugen bekommen.

Darüber hinaus kann ich gerne auf Herrn Schweiger, dessen bisherige Filme alle nichts besonderes sind, als Tatort-Kommissar verzichten.

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