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15.07.2011

00:00 Uhr

Objects d'art

Aufwändige Trophäenkunst

VonMatthias Thibaut

Wenn eine Uhr verrückt ist und einen Akrobaten turnen lässt, darf sie auch 2,5 Millionen Pfund kosten. Christie's und Sotheby's bauen die Trendsparte hochwertiges Kunstgewerbe gezielt auf.

Chinesische Automatenuhr: Für 2,5 Millionen Pfund bekommt der Käufer ein Spektakel mit Musik, Wasserfall und turnendem Akrobaten. Quelle: hb online

Chinesische Automatenuhr: Für 2,5 Millionen Pfund bekommt der Käufer ein Spektakel mit Musik, Wasserfall und turnendem Akrobaten.

LondonWie aus der Luft gezaubert, standen plötzlich sechs hübsche Chinesinnen aufgereiht an den Christie's-Telefonen, um Gebote entgegenzunehmen. Los Nummer neun war aufgerufen - eine chinesische Automatenuhr, bronzevergoldet, Musikwerk und künstlicher Wasserfall, drehende Blumen und oben drauf ein turnender Akrobat. Die Kombination von westlichen Uhrmacherideen und chinesischem Geschmack entstand im frühen 19. Jahrhundert in Guangzhou. Schon damals waren die Chinesen Meister im schnellen Kopieren westlicher Technologie. Die sechs Chinesinnen waren aus dem Häuschen. Westöstliche Spieluhren sind der letzte Schrei. Anfang Juni hatte Christie's in Hongkong ein Paar von Frères Rochat für den chinesischen Markt hergestellte Pistolen mit Singvogel-Uhrwerk für 5,8 Millionen Dollar verkauft. Nun waren moderate 150 000 bis 250 000 Pfund geschätzt, und ein Bietgefecht hob an, wie man es lange nicht erlebte.
Christie's hatte zu wenig mandarinsprachige Mitarbeiterinnen.
Im Saal und an Telefonen wurde geboten, die Chinesinnen gaben kichernd Gebote durch, erst bei 2 Millionen Pfund hatte sich das Feld auf zwei Bieter eingrenzt. Einer war durch Christie's Möbelspezialist Marcus Rädecke verbunden, am anderen Ende redeten offenbar ein Übersetzer und der Bieter selbst durcheinander, der die Uhr schließlich, mit Aufgeld, für 2,5 Millionen Pfund bekam. "Wir hatten nicht genug Sprachtalente im Haus", erklärte er später. Christie's "Exceptional Sale" am 7. Juli war die zweite Abendauktion, mit der die Londoner Auktionshäuser das Kunstmarketing in der außerordentlichsten Altmeisterwoche seit langem auf neue Höhen trieben. Sotheby's versteigerte am Abend zuvor "Schätze im fürstlichen Geschmack". Möbel, Dekorationen und hochwertige Kunstgewerbe-Arbeiten mit edlen Materialien wurden mit einem Ehrgeiz verkauft, den man sonst nur von den Auktionen großer Aristokratensammlungen kennt. Sind die Experten für Alte Kunst es leid, im Schatten der boomenden Modern Art zu stehen? "Die Connaisseure klagen, dass zu wenig angeboten wird", erklärt Möbelexperte Rädecke, der glaubt, dass im Möbelmarkt "die Talsohle durchschritten ist" .

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