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13.07.2011

14:59 Uhr

Palazzo Grassi

Aufruf zur Veränderung

Die venezianischen Ausstellungshäuser des französischen Unternehmers François Pinault befassen sich mit den Themen Weltzugehörigkeit und Zweifel. Was sie bieten, ist keine leichte Unterhaltung. Sie fordern den Betrachter auf, sich die Welt anzueignen.

Loris Gréauds Installation "Gunpowder Forest Bubble" im Palazzo Grassi. Quelle: dpa

Loris Gréauds Installation "Gunpowder Forest Bubble" im Palazzo Grassi.

RomWeltzugehörigkeit und Zweifel sind das Thema zweier Ausstellungen im Palazzo Grassi und der Punta della Dogana. Der Titel der Grassi-Schau verschmilzt die Sprachen und verheißt keine leichte Unterhaltung: “Le mondo vi belongs / The world vous appartient / Il mondo appartient to you”. Das soll heißen „Die Welt gehört euch“, wobei hier die Welt als ein aus vielem Verschmolzenes auftritt. Man könnte den Ausstellungstitel auch als durchaus selbstbewusste Aufforderung verstehen. Der Betrachter möge sich ein Bild machen von der Welt, wie sie die 40 beteiligten Künstler sehen. Er möge sich die Welt aneignen.

Die mit 18 Künstlern besetzte Begleitschau im zweiten Ausstellungshaus Pinaults ist dem Lob des Zweifels gewidmet. Beide Ausstellungen schöpfen aus dem über 2500 Werke umfassenden Sammlungsbestand des 75-jährigen Unternehmers und Multimilliardärs. Doch im Unterschied zu vorangegangenen Sammlungspräsentationen haben die beiden aktuellen den Vorzug, nicht nur Nabelschau und Beweihräucherung des Patrons zu sein.

Sammler mit Spürnase

Die Ausstellungen thematisieren die Kunst im Zeitalter der Globalisierung. Sie veranschaulichen den Anspruch der Kunst auf gesellschaftliche Mitsprache. Der Künstler pocht auf das Recht, Fragen zu stellen. Nomadentum, Multikulturalismus, Isolation und Integration sind seine Themen. Sie machen die Ausstellungen des Christie’s-Besitzers Pinault fast spannender als die parallel laufende Biennale.

Eine ganze Reihe von Künstlern findet sich auch auf der von Bice Curiger organisierten Biennale-Schau zum Thema Erleuchtung, zum Beispiel Maurizio Cattelan, Urs Fischer, Sigmar Polke oder Elaine Sturtevant. Das zeigt, dass Pinault als Sammler eine gute Spürnase hat. Bei ihm wirken die Arbeiten der Künstler im Übrigen überzeugender. Sie treten an den Betrachter heran und fordern ihn auf, sich die Welt zu eigen zu machen. Das kommt letztlich einem Aufruf sie zu verändern nahe.

Joana Vasconcelos' Installation "Contamination" im Palazzo Grassi. Quelle: dpa

Joana Vasconcelos' Installation "Contamination" im Palazzo Grassi.

Gigantischer Stoffpolyp

Die Grassi-Schau greift zu Beginn des Rundgangs das Thema der Verschmelzung auf. Verspielt und gleichzeitig gefährlich sieht es aus, wenn Joana Vasconcelos einen gigantischen, bunten Stoffpolyp namens „Contamination“ (Ansteckung) vom Atrium bis unter die Decke des Palastes aufsteigen lässt. Im ersten Stock wird es schaurig schön. „Life is beautiful“ schreibt der Iraner Farhad Moshiri in großen Lettern an die Wand, doch beim näheren Hinschauen erkennt man, dass es unzählige Messer sind, welche die frohe Botschaft verkünden.

Als fremdes Land bezeichnet Friedrich Kunath die Vergangenheit. In ihr steckt der Kopf des Menschen wie in einer Schneekugel gefangen. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen. Er bleibt isoliert, ohne Zukunft. Der Blick in die Zukunft ist für Loris Gréaud eine apokalyptische Vision. Skelettartig strecken mit feinem Schießpulver bestäubte Bäume ihre Äste dem Mond entgegen. Mit dieser ergreifenden Rauminstallation „Gunpowder Forest Bubble“ ( Schiesspulver Waldblase) feierte der 31jährige Franzose 2008 sein Debüt im Pariser Palais de Tokyo.

Jonathan Wateridge holt den Betrachter mit hyperrealistischen Bildern in die Realität zurück. Sie spulen filmartige Szenen ab, die Menschen kurz vor dem Eintreffen einer Katastrophe zeigen. In der ausführlichen Beschriftung steht zwar, dass sich die nachgestellten Szenen auf ein historisches Ereignis von 1928 bezeihen – den Bruch der Talsperre von St.-Francis bei Los Angeles – doch ist dies wenig tröstlich. Sie wirken so gegenwärtig, dass der Betrachter sich in eine Welt hineinkatapultiert fühlt, in die er nicht gehören möchte.

Zuflucht im Zweifel

Im Zollhaus kann der Ausstellungsbesucher seine Zuflucht im Ungewissen, „im Lob des Zweifels“ suchen. Schmiegt sich Subodh Guptas Löffelpaar aus Edelstahl noch wie eine Metapher liebevoller Körper aneinander, lassen die verstümmelten Körper von Paul McCarthy allerdings wenig Raum für Zweifel an der Brutalität und Zerstörungswut des Menschen. Die Leidtragenden sind vor allem die Frauen, deren Körperteile wie Utensilien auf dem Arbeitstisch der Macht liegen.

Die Ausstellungen “Elogio del dubbio” (Lob des Zweifels) in der Punta della Dogana und “Il mondo vi appartiene” (Die Welt gehört euch) im Palazzo Grassi laufen bis 31. Dezember 2011

Von

Eva Clausen

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