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09.08.2011

08:22 Uhr

Pierre Bonnard

Künstlerische Sprengkraft

VonOlga Grimm-Weissert

Die Côte d'Azur ist um eine Attraktion reicher. Die Stadt Le Cannet hat ein Museum für den Maler Pierre Bonnard eröffnet. Der Nach-Impressionist machte in letzter Zeit mit hohen Millionen-Zuschlägen für seine farbgewaltigen Bilder auf sich aufmerksam.

Pierre Bonnard: Ausschnitt aus "L’atelier au mimosa, hiver". Quelle: © Adagp, Paris 2011 © collection Centre Pompidou, dist. RMN / Ph

Pierre Bonnard: Ausschnitt aus "L’atelier au mimosa, hiver".

Le CannetDas Schönste an Le Cannet waren die flammend orange-gelben Mimosenhaine. Sie waren es, die dem malerisch gelegenen Ort oberhalb von Cannes und dem Mittelmeer schon im frühen Winter kräftig Farbe gaben. Mitten in der Stadt machten sie sich breit. Pierre Bonnard (1867-1947) setzte ihnen ein Denkmal, als er 1927 von seiner erst kurz zuvor bezogenen Villa aus seine „Ansicht von Cannet“ malte. 

Im gerade eröffneten Bonnard-Museum von Le Cannet ist die „Ansicht von Cannet“ eine Attraktion. Ihr Format ist gewaltig. Über zwei mal zwei Meter misst das Bild, das mit seinen abgerundeten oberen Ecken fast wie eine Wandmalerei wirkt. Auch der 3,4 Millionen Pfund-Preis (6,7 Millionen Dollar) ist ansehnlich, den die französische, private „Stiftung Meyer für die kulturelle und künstlerische Entwicklung“ bei Christie’s London im Juni 2008 für die Leinwand aufwenden musste. Später schenkte sie das Bild dem französischen Staat für das im Entstehen begriffene Bonnard-Museum.

Farbe als Sprengkraft

Pierre Bonnards flächig-dekorativer Stil lebt vom intensiven Farbenspiel in Blau-Lila-Violett- bis zu leuchtenden Gelb-Grün-Tönen. Die Anregung lieferte die 1888 gegründete Künstlergruppe der Nabis (hebräisch: „Propheten“). Bonnard gehörte zu ihren Mitgliedern. Die Nabis bezeichneten sich als Visionäre einer neuen Sichtweise. Sie kombinierten eine dekorative und farbenprächtige Malerei mit einer rätselhaften, symbolischen Bildsprache. Sie sollte das Gegenteil von gepflegter Salonkunst sein.

Balsam für die Augen

Für die große Anziehungskraft von Bonnards Malerei hat Gerhard Finckh, Direktor des Wuppertaler Von der Heydt-Museums, wo die letzte große Bonnard-Ausstellung in Deutschland stattfand, eine einleuchtende Begründung: "Seine sinnlichen und intensiven Kompositionen, in denen er die Natur zeigt, erscheinen besonders in der heutigen Zeit wie Balsam für die Seele." Auf den ersten Blick wirkten viele seiner Arbeiten zwar unspektakulär, sie enthielten aber Momente der Irritation und eine künstlerische Sprengkraft, deren man sich oft erst im Nachhinein bewusst werde.

Pierre Bonnard: Ausschnitt aus "Le Bain ou Baignoire". Quelle: © Adagp, Paris 2011 © Tate, Londres, 2011

Pierre Bonnard: Ausschnitt aus "Le Bain ou Baignoire".

Villa wird Museum

Mit dem Bonnard-Museum ist die Côte d'Azur nun um einen Anziehungspunkt reicher. Schauplatz ist die neben dem Rathaus von Le Cannet gelegene Villa Saint-Vianney. Sie bietet mit ihren 550 Quadratmetern Ausstellungsfläche eher kleine, intime Räumlichkeiten. 1998 wurde die Immobilie von der Bürgermeisterin erworben und für 4,5 Millionen Euro umgebaut und erweitert. 60 Prozent der Kosten übernahm die Stadt, die restlichen 40 Prozent die regionalen Verwaltungsträger.

An die Côte d'Azur reiste Pierre Bonnard seit 1904. Daneben fuhr er zum Malen auch in sein Haus in Vernon in der Normandie. Dort schuf er, ganz in der Nähe von Giverny, dem Wohnsitz seines Freunds und Vorbilds Claude Monet, Landschaften in den intensivsten Violett- und Blautönen. Ab 1922 verbrachte Bonnard mit seiner Gefährtin und späteren Ehefrau Marthe den Winter in Le Cannet. 1926 erwarb er die Villa „Le Bosquet“, die ab 1938 zum ständigen Wohnsitz wurde. Bis heute befindet sich die Villa im Familienbesitz der Erben und Mit-Stifter des Museums, den Familien Terrasse und Vernon.

Briefe an Künstlerfreunde

Die Eröffnungsausstellung des Bonnard-Museums kreist um das Thema Mittelmeer. Die Auswahl traf Véronique Serrano, Leiterin des Museums und Kuratorin der Ausstellung. Sie entschied sich für 40 Gemälde und 20 Papierarbeiten. Daneben macht Serrano auch die Korrespondenz des Malers und Fotodokumente zugänglich. Bonnard pflegte während seiner Aufenthalte in Le Cannet viel zu schreiben. Er hielt Kontakt zu vielen Künstlern seiner Zeit und tauschte sich mit ihnen über die Malerei aus. Seine Korrespondenz etwa mit Henri Matisse, Pierre-Auguste Renoir und Kees van Dongen sind mit ausgestellt, ebenso wie die Arbeiten der Fotografen Henri Cartier-Bresson oder Brassaï, die Bonnards Villa und den Garten fotografierten.

Täglicher Blick aufs Wetter

Erwähnenswert sind auch die mit Bleistiftskizzen und täglichen Wetter-Beobachtungen versehenen Kalender. Sie befanden sich ursprünglich im Besitz der Erben, wurden von der Bibliothèque Nationale de France erworben und nun für die Eröffnungsausstellung in Le Cannet ausgeliehen.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf den Landschaftsbildern. Circa 300 soll der Künstler in Le Cannet in den für ihn typischen oft kräftigen Farbkombinationen geschaffen haben - auf Leinwand und Papier. Daneben zeigt das Museum vier Selbstporträts, darunter das „Selbstporträt als Boxer“ von 1931 aus dem Musée d'Orsay in Paris, das dieses von der „Stiftung Philippe Meyer“ geschenkt bekam.

Pierre Bonnard: Ausschnitt aus "Selbstbildnis (Boxer)". Quelle: © Adagp, Paris 2011 © RMN (Musée d’Orsay) / Michèle Bellot

Pierre Bonnard: Ausschnitt aus "Selbstbildnis (Boxer)".

Der Markt

Beachtung verdient auch einer der insgesamt fünf bekannten Badewannen-Akte, eine Leihgabe der Tate National in London. Auf dem Auktionsmarkt erzielen diese Akte hohe Preise. Bereits im Juni 1988 notierte Sotheby’s in London 2,2 Millionen Pfund für einen 1925 gemalten „Akt in der Badewanne“.

Den höchsten Auktionspreis für den selten versteigerten Bonnard erzielte Christie’s London am 9. Februar 2011, als die 1923 gemalte „Terrasse in Vernon“ auf 7,2 Millionen Pfund (11,6 Millionen Dollar) kam. Bei Sotheby’s kletterte im Juni 2010 das Ölgemälde „Frühstück, Heizkörper“ auf 6,2 Millionen Pfund. Es entstand ca. 1930 in Bonnards Villa in Le Cannet. Eine Gouache mit einem ähnlichen Interieur-Sujet aus der gleichen Periode hängt im Museum als private Leihgabe.

Im noblen Museumsverbund

Aus der „Stiftung Meyer für die kulturelle und künstlerische Entwicklung“ stammt die „Landschaft Sonnenuntergang“ von 1923. Es handelt sich um eine Schenkung, die schon 2006 versprochen worden war. Philippe Meyer, der 2007 starb, hatte dem Staat bereits 2000, allerdings anonym, die für Frankreich wohl bedeutendste und umfangreichste Kunstschenkung mit Werken des 20. Jahrhunderts vermacht. Sein Sohn Vincent Meyer war es, der die Eingliederung des Museums in die 1200 „Musées de France“ zur Bedingung machte. So wird das einzige Bonnard-Museum der Welt als wissenschaftliche Institution anerkannt und kommt in den Genuss staatlicher Förderung.

„Bonnard et Le Cannet. Dans la lumière de la Méditerranée/ Bonnard und Le Cannet. Im Licht des Mittelmeeres“

bis 25. September im Musée Bonnard in Le Cannet

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