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25.03.2011

13:20 Uhr

Politische Kunst

Die schaurige Wirklichkeit in Argentinien

VonChristiane Fricke

Nur wenig ist bisher bekannt über Argentiniens zeitgenössische Kunst. Korruption, Zensur und Gewalt haben das lateinamerikanische Land nachhaltig geprägt. Die vergangenen 50 Jahre liefern ein beklemmendes Bild.

Fabián Marcaccios "Reduccionismo - Rapto Paintants" ist in der Ausstellung "Radical Shift" zu sehen. Quelle: courtesy: Ruth Benzacar Galería de Arte, Buenos Aires, Foto: Dan

Fabián Marcaccios "Reduccionismo - Rapto Paintants" ist in der Ausstellung "Radical Shift" zu sehen.

LeverkusenEs gibt noch einen riesigen weißen Fleck auf der Landkarte des zeitgenössischen Kunstbetriebs: Argentinien, 14 Flugstunden entfernt. Das Land ist reich an Ressourcen und dennoch arm, weil überwiegend schlecht regiert. Wir denken eher an Rinderherden und Tangotänzer als an Korruption, Zensur und Repression. Die Militärdiktatur der späten 1970er-, frühen 1980er-Jahre dürften die meisten Deutschen vergessen haben. So mancher mag sich noch an die schwere Wirtschaftskrise vor zehn Jahren erinnern, als die Menschen kochtöpfeschlagend auf die Straße gingen, um gegen Misswirtschaft und Verarmung zu protestieren.

Nur wenig wissen wir über die Kunst, die dieses Land in den letzten fünf Jahrzehnten hervorgebracht hat. Das ist kein Zufall. Während die zeitgenössische Kunst auf der Nordhalbkugel der Erde sich dank stabiler politischer Verhältnisse zum Kultur- und Wirtschaftsfaktor entwickelt, sehen sich argentinische Künstler seit den 1960er-Jahren mit allen nur denkbaren Spielarten von Gewalt, Unterdrückung und politischer Instabilität konfrontiert.

Ein beklemmendes Bild davon zeichnet die „Radical Shift“ betitelte Übersichtsschau im Museum Morsbroich in Leverkusen. Fünf Jahre Vorbereitungszeit brauchte Kuratorin Heike van den Valentyn, um die Werke aus Kellern und Privatsammlungen ans Licht zu befördern. „Staatliche Museen kamen als Leihgeber nicht in Betracht, da sie wegen der hohen Staatsverschuldung fürchten müssen, ihre Leihgaben nicht zurückzuerhalten.“

Elf Künstler aus drei Generationen treten an, teils mit Werken, die für Leverkusen eigens rekonstruiert werden mussten. Oskar Bonys (1941-2002) Filminstallation über 60 Quadratmeter Maschendrahtzaun von 1967 gehört dazu, Juan Carlos Romeros gelb-schwarz plakatierter Raum mit dem Schriftzug „Violencia“ (Gewalt) von 1973 und Víctor Grippos (1936-2002) Installation mit 400 Kilogramm Kartoffeln (1977). Er gab ihr den sprechenden Titel „Den Menschen naturalisieren, die Natur zivilisieren oder Pflanzliche Energie“.

Aufgerissene Gebisse erinnern an Folter

Traumatisierung heißt das geheimnisvolle Band, das die Exponate und ihre Schöpfer über Generationen hinweg miteinander verbindet. Es verknüpft Grippos Beschäftigung mit Grundnahrungsmitteln mit Graciela Saccos Installation schwebender Löffel, die sie im Jahr des Volksaufstandes 2000 schuf und „Ein Happen“ nannte. Auf jedem Löffel befindet sich der Schemen eines offenen Mundes abgebildet. Ihn lesen die Argentinier nicht nur als Zeichen für Sprache, Hunger oder Protest. Er ruft auch Erinnerungen an schreckliche Foltermethoden wach, die ihren schockierenden Ausdruck in Alberto Heredias (1924-2000) geknebelten, aufgerissenen Gebissen aus den 1970er-Jahren finden. Das Entsetzliche verarbeitete Norberto Gómez 1979/80 in deformierten Kunstharzskulpturen, die er lange Jahre in seinem Keller verbarg. Sie sehen aus wie halb verwester menschlicher „Schlachtabfall“.

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