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21.02.2013

08:18 Uhr

Polnische Kunst

"Etwas Chaos bedeutet Freiheit"

VonChristiane Fricke

Mit den 1980er-Jahren verbinden die Polen quälende Erinnerungen. Kein Wunder, dass sich für die Kunst dieser schwierigen Dekade vor allem Ausländer interessieren. Einer von ihnen ist der deutsche Arzt Osman Djajadisastra. Er hat in den letzten 28 Jahren die hierzulande größte Sammlung zur Kunst des Nachbarlandes zusammengestellt.

Der Sammler Osman Djajadisastra vor dem Bild der Gruppe Lodz Kaliska: „Freiheit, nein Danke“ (1987). Galeria Propaganda

Der Sammler Osman Djajadisastra vor dem Bild der Gruppe Lodz Kaliska: „Freiheit, nein Danke“ (1987).

Warschau/AachenDer Ankauf des Bildes „Freiheit, nein Danke“ (1987) brachte den Sammler Osman Djajadisastra fast an den Rand des Ruins. Umgerechnet 37.000 Euro wollte die polnische Avantgarde-Gruppe Łódź Kaliska für das Schlüsselbild des polnischen Freiheitskampfes haben; eigentlich zuviel für den indonesisch-stämmigen Deutschen und Familienvater. „Ich war im Zweifel“, erinnert sich der 49-Jährige. „Meine Frau sagte, ‚Du bist verrückt’. Das Problem war: Ich wollte es unbedingt haben.“

Heute hängt das große Format in Warschau als Leihgabe im Museum für moderne Kunst, weil der Institution für einen Ankauf das Geld fehlte. Nur unter dieser Bedingung wollten die Künstler dem Sammler das Werk verkaufen, auf dem sie Eugène Delacroix’ berühmtes Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ satirisch umdeuten. Auf dem französischen Revolutionsbild führt Marianne, die Personifikation der Freiheit, das Volk auf die Barrikaden gegen die reaktionäre Politik der Bourbonen. Das polnische Gegenstück, eine farbig überarbeitete Fotografie, macht aus dieser gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Bürgern und Obrigkeit eine Groteske.

Der Osten im Westen

Seit 28 Jahren sammelt Djajadisastra polnische Kunst. Er selber lebt als Landarzt weit weg vom Quell seiner Leidenschaft: im hintersten Winkel Westdeutschlands in der Nähe von Aachen und nur einen Steinwurf von der holländischen Grenze entfernt. Hier, inmitten grüner Wiesen, liegt Polen gefühlte tausende von Kilometern weiter im Osten, während die Geschichte des Landes im Wohnzimmer des Sammlers wieder aufersteht.

Es ist die polnische Geschichte der 1980er-Jahre, die Zeit der Diktatur und der Solidarność, die Osman Djajadisastra infiziert hat. „Meine Leidenschaft für die Kunst der achtziger Jahre mag darin begründet sein, dass meine ersten Erfahrungen mit Kunst in genau dieser Zeit begonnen haben“, erinnert sich der Sammler. 1981 gehörte er zu den Besuchern der umstrittenen Kölner Großausstellung „Westkunst“. Sie stellte die Frage nach dem Stellenwert der im Westen entstandenen zeitgenössischen Kunst in der Geschichte.

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