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12.04.2011

16:47 Uhr

Privater Showroom

Auftanken beim Vater der Pop Art

VonDaghild Bartels

Eine ehemalige Tankstelle in Berlin ist Wohnung für einen Galeristen und privater Ausstellungsraum. Derzeit paradiert hier selten gesehene, frühe Graphik des Pop Art-Künstlers Jasper Johns. Ein Grund hin zu pilgern.

Tankstelle: Wo früher die Werkstatt war (links) ist jetzt die Küche, rechts das zum Esszimmer umfunktionierte Kassenhäuschen. Kunst wird im Neubau präsentiert. Quelle: Busso Bartels

Tankstelle: Wo früher die Werkstatt war (links) ist jetzt die Küche, rechts das zum Esszimmer umfunktionierte Kassenhäuschen. Kunst wird im Neubau präsentiert.

BerlinEine exquisite Ausstellung findet in ungewöhnlichem Rahmen statt: Jasper Johns-Graphik in Jörg Judins „Tankstelle“, dem neuen  Pilgerziel von Architekturfans. Erzählt wird am Beispiel des Pop Art-Pioniers die Geschichte einer weitsichtigen Frau. Um 1960 lag das Medium Druckgraphik in den USA danieder. Es war Tatyana Grosman, (1904-1982), die für einen unerhörten Aufschwung der druckgraphischen Kunst sorgte. Sie gründete den Verlag Universal Limited Art Edition (ULAE) und gewann junge Künstler wie Robert Rauschenberg, Cy Twombly oder Jasper Johns zum Mitmachen. Die Editionen, die das Haus verließen, keine Auflage höher als 30, gelten heute ob ihrer singulären Qualität, als rare Kostbarkeiten. Grosman, die außerdem 30 Jahre lang als Direktorin der Graphikabteilung des New Yorker MoMA amtierte, ist in Fachkreisen längst eine Legende.

Einladung zum Experiment

 Ihr Verlag hat ihr nun mit einer opulenten, exzellenten Publikation „Scrap Book“ ein würdiges Denkmal gesetzt. Der Schweizer Jörg Judin, der in Berlin die noble Galerie NolanJudin betreibt, nahm diese Hommage zum Anlass, um im Ausstellungsraum seines Privathauses eine kleine, feine Kabinettausstellung mit der frühen Graphik von Jasper Johns zu organisieren. Bekanntlich war die Einladung Tatyana Grosmans, bei ihr mit graphischen Techniken zu experimentieren, für Johns ein willkommener Weg, die künstlerische Krise, mit der er um 1960 zu kämpfen hatte, bravourös zu überwinden.

Zwar behielt Johns sein bildnerisches Grundvokabular bei – Flaggen, Zahlen, Zielscheiben, doch die neuen Techniken führten ihn zu raffinierten Experimenten. „Two Flags“ von 1972 ist bei aller Dichte der überlagerten Flaggen, der fast an drip-paintings von Pollock erinnernden Schwärze ein Beispiel für die ungeheure Subtilität der Zeichnung. Dass Johns bei der Graphik vor allem das Prozesshafte liebte, wird an verschiedenen Zustandsdrucken deutlich, zwei Proofs von „Decoy“ demonstrieren, wie er mit der Farbgebung experimentierte, einmal gar mit 25 Überdrucken. Noch subtiler bei vier verschiedenen Drucken von „Pinion“ (1966).  Hier hat er außerdem eine Volte geschlagen. Er kniete sich nämlich in Sprinter-Stellung auf den Stein, so dass Abdrücke von Knie und Händen zum Bildmotiv wurden. Mit feurigem Elan widmete Johns sich dem Medium – auch später als die Krise überwunden war – erprobte alle Techniken, Kombinationen von Hart und Weich, mit saugendem und abstoßendem Papier, mit Tusche, Kreide oder Graphit, um ein Maximum an Komplexität zu erzielen. Ein feines Highlight diese Ausstellung, nicht nur für Connaisseure, deren Augen hier leuchten.

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