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09.06.2013

10:36 Uhr

Provozierende Show in Hamburg

Billiger Menschenzoo

VonOliver Stock

Eine Künstlergruppe stellt in der Hamburger Kunstfabrik Kampnagel Menschen im Käfig aus – vom Hartz-IV-Empfänger bis zur Alleinerziehenden. Was als Kunst daherkommt, appelliert einzig an den Voyeur in uns. Ein Kommentar

Ein Straftäter (captivus) sitzt in einem Kafig im Rahmen des Kunstprojekts „Human Zoo“ im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg. dpa

Ein Straftäter (captivus) sitzt in einem Kafig im Rahmen des Kunstprojekts „Human Zoo“ im Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg.

DüsseldorfWas soll das? Menschen kauern im Käfig wie Tiere. Es sind Ex-Knackis, Menschen ohne Dach über dem Kopf, eine Roma-Frau mit Kopftuch ist darunter, ein Punker. Der Eintritt zu diesem Menschenzoo, der in der Hamburger Kunstfabrik Kampnagel ausgestellt wird, kostet drei Euro. Wer mag kann am Eingang Spielzeug und Futter für die Ausgestellten kaufen: Erdnüsse, Bierdosen, abgepackte Zigarettenstummel.

Die Wiener Künstlergruppe „God's Entertainment“ hat sich die Show „Human Zoo“ ausgedacht. Sie will „Randgruppen“ sichtbar machen. Und seit der Eröffnung der Show in dieser Woche diskutiert die Republik darüber, was das soll, wie wir Zuschauer es einsortieren sollen und ob wir lachen dürfen oder betroffen gucken müssen.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Zwischen Tabak-Tüten und Discounter-Prospekten sitzt ein strubbeliger Mann. An seinem Käfig klebt ein Hinweis-Schild, das ihn als „Hartz-IV-Empfänger“ identifiziert, der als Nahrung vorwiegend „Tiefkühlkost und Spirituosen“ und als natürliche Feinde „Personalleiter und Wohnungsvermieter“ nennt. Eine alleinerziehende Mutter hat sich nebenan in den Käfig gesetzt. Sie saugt gerade Staub.

Menschen zu Kunstobjekten zu machen – die Idee ist so alt wie die Kunst selbst. Nur begnügen sich Performance-Künstler entweder anständigerweise mit der eigenen Person: Marina Abramowitsch zum Beispiel, Kunstprofessorin in Braunschweig und Performance-Star der internationalen Kunstszene ritzt sich den eigenen Körper vor entsetzt-faszinierten Zuschaueraugen auf.

Oder sie werden so radikal, wie der vor zwei Wochen gestorbener Wiener Künstler Otto Mühl und machen den menschlichen Körper zu Material der Kunst: Mühl hat einst auf Einladung der Studenten an der Kunsthochschule in Braunschweig ein Schwein im Hörsaal geschlachtet und Blut, Urin und Kot über den Körper einer Frau gegossen. Dazu hat er besinnliche Weihnachtslieder via Lautsprecher übertragen. Das war 1969, also vor 44 Jahren. Mühls Werk war abstoßend und ekelhaft – aber es war damals immerhin neu. Als Künstler hatte er einen Trend gespürt, bevor er zum Allgemeingut wurde. Er hielt uns Exhibitionisten einen Spiegel vor und genoss den Skandal.

Was auf Kampnagel passiert, ist dagegen simpel, so simpel wie ein Autounfall: Es kracht, es gibt Betroffenen, es gibt unglücklicherweise sogar Verletzte, und es gibt Zuschauer, die im vom Sprecher im Verkehrsstudio erzieherisch als „Gaffer“ bezeichnet werden, was sie aber eben auch nicht vom Zuschauen abhält. Das Phänomen heißt Voyeurismus, und wir kennen es, weil wir uns selbst gut kennen. Wir schämen uns dafür wie damals als Junge, als wir heimlich in den Erwachsenenromanen der Eltern gelesen haben, aber wir machen es trotzdem. Klar wird: Die Kampnagel-Künstler setzen auf Trieb und gehören damit eher auf die Reeperbahn als in die Kunstfabrik.

Ihr Erfolg: Wir reden darüber, wir gehen hin, wir streiten uns, wir schreiben Texte wie diesen. Das funktioniert aber auch wenn Michael Douglas über den möglichen Zusammenhang zwischen seinen Sexualpraktiken und seinem überstandenen Krebs berichtet. Nur das Douglas, der ein Künstler ist, diesen Teil seines Lebens ausdrücklich nicht als Kunst deklariert.

Kommentare (9)

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Trojaner

09.06.2013, 11:56 Uhr

Zitat aus der Website von "God's Entertainment": "So arbeiten God’s Entertainment mit der Hypothese, dass soziale und materielle Kontroll- und Ordnungsmechanismen einen Transfer von Tier zu Mensch erleben." Mal so nebenher, Ingenieure werden wie Kühe gehalten, Verkäufer wie Rennpferde, Journalisten wie (das wissen sie selbst am Besten) Wer keine Provokation mag, verblödet- das ist natürlich auch nur eine Hypothese.

Account gelöscht!

09.06.2013, 11:58 Uhr

"Was als Kunst daherkommt, appelliert einzig an den Voyeur in uns"

Hallo? Aufwachen, was ist denn bitte Kunst ansonsten, wenn da nicht ein großer Teil simpler Voyeurismus mit drin ist?
Wenn ich das Bild von Mona Lisa betrachte, ist das nichts anderes. Wie soll man sich sonst an dieser Kunst erfreuen wenn ich dort nicht als Voyeur fungiere? Selber malen kann ich das nicht. Oder die Traumfabriken in Film und Funk? Diese ganze Unterhaltungsindustrie lebt von nichts anderem.
Die Kunst dieser Ausstellung ist genau das, zu zeigen wie sehr diese Gesellschaft Voyourismus zum vermeintlichen Vorteil hochstilisiert. Porsche fahren, aber Jaffa-Möbel im Wohnzimmer, Markenklamotten aber den ganzen Monat dafür billige Haferflocken futtern, immer den Schein wahren. Und wer den Schein nicht wahren kann, wird nicht gesehen, weg gesperrt, eingesperrt im Sinne von "wollen wir nicht sehen". Aber geil das es das gibt, ansonsten müßte man sich andere Mauern als Geldsucht, Porsche oder Markenklamotten bauen, damit niemand sieht wie "arm" man doch in Wirklichkeit ist. Dieses darzustellen kann ich durchaus als Kunst ansehen. Alle gesellschaftlichen Strömungen, Gruppen und Ereignisse darzustellen ist eine Kunst, verstecken ist leicht und wirklich KEINE Kunst.
Aber wie man sieht, ist das ja auch inzwischen ein gutes Geschäft und Kunst ist das was bezahlt werden will. Wer Kunst kaufen kann, ist nur in einem anderen Käfig.

Tabu

09.06.2013, 12:28 Uhr

Wenn ich Unterschicht sehen will,brauch ich nur
offenen Blickes vor die Tür zu treten.
Nachrichten lesen,in der keine menschliche Perversion,
ausgespart wird.Seien es Kriege,Tiertransporte,
Kopfzertreter,Steiniger,Aufhänger,Kinderschänder,
Besoffene und Bepinkelte,Junkies,Dealer,Drogenmafia,

Ich bevorzuge die Romantiker..da wo der Mensch mit
sich und der Natur im Einklang ist.
Ethk und Ästhetik.
Abnormitäten wie,Osborn beißt Fledermaus den Kopf ab.
Künstler will Welpen aufhängen..(wurde zum Glück
unterbunden)sind leider Ausdruck unserer degenerierten
Gesellschaft.Hier werden die allerniedrigsten Abarten
der Zurschaustellung bedient.

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