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18.06.2012

09:45 Uhr

Ray Fotografieprojekte

Ins Gedächtnis gebrannt

VonChristiane Fricke

Medienbilder verankern geschichtliche Ereignisse in unseren Köpfen. Bis in das 19. Jahrhundert war die Kunst dafür zuständig. Wie heutige Foto- und Videokünstler mit dem Thema umgehen, zeigt die Ausstellung „Making History“ in Frankfurt. Auf dem Kunstmarkt werden die Werke von Reportern und Künstlern sehr unterschiedlich bewertet.

Barbara Klemm: "Brandt – Breschnew, Bonn, Barytabzug, 1973". (Ausschnitt) www.ray2012.deBarbara Klemm

Barbara Klemm: "Brandt – Breschnew, Bonn, Barytabzug, 1973". (Ausschnitt)

Frankfurt„Manchmal ist es ein Dokument, aber manchmal wird es zum Bild“. Nachdenklich betrachtet Barbara Klemm ihre Aufnahme von General Jaruzelski, der soeben mit seinem letzten Kabinett ins polnische Parlament einzieht. Auf dem Hochformat fädelt sich einer nach dem anderen an diesem Tag des Jahres 1989 durch die Saaltür. Diese hat die Fotoreporterin direkt im Blick, nachdem sie – einer plötzlichen Eingebung folgend – auf die Empore gestiegen war, als Einzige von ihren Kollegen.

Jahrzehntelang prägte Barbara Klemm, Jahrgang 1939, mit ihren Fotos das Erscheinungsbild der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nun steht sie anlässlich der Ausstellung „Making History“ vor einer Auswahl ihrer Schwarzweißbilder und erinnert sich an Schlüsselmomente ihrer wechselvollen Einsätze. Die Aufnahme von der Vereidigung des Grünen-Politikers Joschka Fischer als Umweltminister Hessens (1985) ist ihrer Ansicht nach lediglich ein „Dokument“. Zwischen Fischer und seinem Gegenüber klafft ein Loch; die entscheidende Schwachstelle eines tausendfach publizierten Bildes, das sich trotz seiner kompositorisch unbefriedigenden Lösung ins Gedächtnis gebrannt hat.

Konstruktion von Geschichte

Fotojournalisten wie Barbara Klemm haben das Bild öffentlicher Ereignisse nicht nur geprägt. Durch ihre Bilder wurde und wird Geschichte mit konstruiert. Bis in das 19. Jahrhundert lag die Zuständigkeit dafür bei der Kunst; das Historienbild war ihre Königsgattung. Wie heutige Foto- und Videokünstler mit dem Thema umgehen, zeigt die Ausstellung „Making History“ in Frankfurt. Drei Institutionen haben an diesem großen Unternehmen mitgewirkt, dessen Rahmen das ehrgeizige Verbundprojekt „Ray 2012“ bildet: der Frankfurter Kunstverein, in dem auch Klemms Fotografien hängen, das Museum für Moderne Kunst (MMK) und das MMK Zollamt.

Der Kunstmarkt hat seine eigene Logik

Künstlerisch steht eine Schwarzweißfotografie von Barbara Klemm einer der wandfüllenden, absichtlich kitschigen Farbfotografien David LaChapelles sicher in nichts da. Doch der Kunstmarkt legt Werte nach seiner eigenen Logik fest. Gesteuert werden sie von der Nachfrage, aber natürlich auch von Handelsinteressen der Marktteilnehmer.

1.200 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer stellt die Fotojournalistin für einen aktuellen Handabzug in Rechnung. Bis zu 300.000 Dollar muss aufwenden, wer bei Jablonka Galerie in Köln den letzten von drei Prints jenes leinwandgroßen Querformats von LaChapelle erwerben möchte, das in Frankfurt alle Blicke auf sich zieht: eine zeitgenössische Paraphrase auf das Renaissancegemälde „Venus und Mars“ von Sandro Botticelli, ausgestattet mit Kindersoldaten und allen Hinterlassenschaften einer von Gier getriebenen Gesellschaft.

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