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26.01.2007

12:29 Uhr

Religion und Politik

Vom Glauben an die Macht

VonAndreas Rinke

Dass Religionen und der Glaube auch heute noch treibende Kräfte hinter politischen Umwälzungen sein können, ist in unserer säkularisierten Gesellschaft weitgehend in Vergessenheit geraten. Doch seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 stürzt sich eine ganze Schar von Buchautoren auf den Zusammenhang zwischen Religion und Politik.

Politik im Vertrauen auf Gott: "In God we trust" ist seit 1956 das Motto der USA. Foto: dpa

Politik im Vertrauen auf Gott: "In God we trust" ist seit 1956 das Motto der USA. Foto: dpa

BERLIN. Dazu beigetragen hat die Ernüchterung über die geringen Erfolge westlicher Interventionen in Afghanistan und im Irak. Zudem haben vor allem die Krisen in Irak und Libanon gezeigt, dass die vorherrschende Wahrnehmung des Islams als monolithischer Block trügt: Heute liefern sich Schiiten und Sunniten, deren theologische Differenzen in westlichen Augen marginal sind, blutige Kämpfe. Drittens wächst die Erkenntnis, dass der politische Machtanspruch religiöser Kräfte nicht nur ein Phänomen in islamischen Ländern ist.

Mehrere Autoren untersuchen dabei die wohl drängendste Frage: Was sind die ideologischen, historischen und politischen Wurzeln für einen radikalen Islam? Der Brite Charles Allen zeichnet nach, wieso sich aus der Lehre des radikalen sunnitischen Predigers Al-Wahhab im 18. Jahrhundert eine Bewegung entwickeln konnte, die sich heute bis nach Afghanistan auswirkt. Verantwortlich dafür ist die Symbiose, die der Wahhabismus mit der Dynastie der Saudis einging. Denn mit saudischen Ölmilliarden ist die sehr strikte wahhabitische Glaubensauslegung weltweit exportiert worden. Allerdings verliert sich Allen in seiner Darstellung über mehr als 250 Jahre zu sehr im Detail.

Klarer schreibt Vali Nasr, der die „Gegenseite“ untersucht hat – den anscheinend unaufhaltsamen Aufstieg der Schiiten zumindest im Mittleren Osten. Zwar stellen die Schiiten nur rund 10 bis 15 Prozent der 1,3 Milliarden Moslems weltweit, aber ein Großteil der Ölquellen des Nahen und Mittleren Ostens liegt in ihrem Siedlungsgebiet. Iran hat sich zudem in den letzten Jahren als Führungsmacht der schiitischen Welt entwickelt.

Wichtig ist das Buch deshalb, weil es zeigt, wie verwirrend die Fronten manchmal verlaufen: Ausgerechnet die für uns wegen ihrer religiösen Riten noch fremderen Schiiten gehören nämlich in den sunnitisch beherrschten Ländern zu den stärksten Befürwortern demokratischer Reformen. Und obwohl Iran mittlerweile als Hauptbedrohung des Westens wahrgenommen wird, sind Terror-Organisationen wie El Kaida und die Taliban allesamt sunnitisch geprägt.

Wer mehr Facetten der islamischen Welt verstehen will, muss aber nicht nur auf Neuerscheinungen zurückgreifen. Das zeigt die Wiederauflage des Klassikers von Gilles Kepel über die Grundlagen des „Jihad“, des Heiligen Krieges. In seinem 2000 erstmals veröffentlichten Buch kommt der Franzose zu einem fast tröstlichen Ergebnis: In einigen Ländern steigen radikale Islamisten auf, in anderen beobachtet er deren Niedergang. Seine These lautet vereinfacht, dass Regierungen aus Glaubensfanatikern nur für begrenzte Zeit überlebensfähig sind.

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