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27.08.2011

10:11 Uhr

Renaissance

Die Entdeckung der Individualität

VonChristian Herchenröder

Die Bankiersdynastie der Medici hat die Kunst der Renaissance erst gefördert. Und dann dazu benutzt ihren Machtanspruch Bild werden zu lassen.

Desiderio di Settignano: Teil der Büste einer jungen Frau, vielleicht Marietta Strozzi. Skulpturensammlung, Staatliche Museen zu Berlin, Jörg P. Anders

Desiderio di Settignano: Teil der Büste einer jungen Frau, vielleicht Marietta Strozzi.

BerlinDie Medici sind Inbegriff eines zu politischer Macht und kulturellem Ruhm gelangten Geldadels. Als Herren der größten europäischen Bank des 15. Jahrhunderts und Erfinder der doppelten Buchführung sind sie Protagonisten der Wirtschaftsgeschichte, als Machthaber von Florenz und Dynastie der Päpste ehrgeizige Repräsentanten der Weltgeschichte. In der mit großartigen Werken der Epoche 1420 bis 1515 bestückten Ausstellung „Gesichter der Renaissance“ im Berliner Bode-Museum gibt es zahlreiche Bildnisse, die als Auftragswerke der Medici, mit ihnen befreundeter oder verwandter Personen Revue passieren.

Das schönste ist das Profilporträt der Simonetta Vespucci aus der Berliner Gemäldegalerie, das lange als Werkstattarbeit Botticellis galt und aufgrund der antikisierenden Haartracht als Idealbildnis betrachtet wird. Das größere, im Gegensinn gemalte Porträt der Florentinerin aus dem Frankfurter Städel hängt daneben. Der Marmorteint und die in Gold gefasste Gemme, die sie als Medaillon trägt, verstärkt den Charakter einer Darstellung, die die ideale, kunstgeformte Schönheit feiert. Andere Porträts, etwa die der Maler von Domenico Ghirlandaio bis Lorenzo Costa, folgen einem konträren Prinzip: der von Plato abgeleiteten Maxime, dass nur das Wahre das Schöne sei.

Die schöne Simonetta war die von Giuliano – dem jüngeren Bruder und Mitregenten des Lorenzo de’ Medici – schwärmerisch verehrte Gattin eines Florentiner Patriziers. Sie starb im Alter von vierundzwanzig an der Schwindsucht. Ihr Anbeter Giuliano wurde knapp zwei Jahre später bei dem von den Medici-Gegnern angezettelten Pazzi-Aufstand ermordet. Sein Halbporträt von Botticelli aus Washington ist eines der markantesten Bilder der Ausstellung. Zwei Porträts, zwei tragische Schicksale: zum höheren Ruhm der Medici in Auftrag gegeben. Auf posthume Werke verweisen die trauernde Taube auf abgestorbenem Ast und der gesenkte, fast leblose Blick. Einen solchen solitären Abwärtsblick, den auch zwei schwächere Versionen aus Bergamo und Berlin aufweisen, gibt es in keinem anderen der hier versammelten Renaissance-Porträts.

Ausschnitt aus Sandro Botticelli Profilbildnis einer jungen Frau, vermutlich Simonetta Vespucci, um 1476. Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin, Jörg P. Anders

Ausschnitt aus Sandro Botticelli Profilbildnis einer jungen Frau, vermutlich Simonetta Vespucci, um 1476.

Bildnisse dieser Art dienen der Propaganda der Auftraggeber, sie überhöhen ihren politischen Anspruch. Das gesamte ästhetische Arsenal der von den Medici geförderten Florentiner Renaissance ist Teil der grandiosen Aufwertung eines Geschlechts ehemaliger Geldwechsler, die zu Macht-Mäzenaten geworden waren.

Im Medici-Kabinett der Ausstellung, die einige der 170 Exponate der Ausstellung wie Devotionalien aus dem einheitlichen Schwarz der Räume hebt, ist die dunkel gerahmte Totenmaske des Lorenzo zu sehen, die wie manche posthumen Bildnisse der Schau beredte Zeugnisse eines staatstragenden Personenkults sind. Das gilt natürlich auch für die Herrscherporträts anderer italienischer Fürstentümer oder Stadtstaaten von Verona bis Venedig, die hier Revue passieren.

Die Berliner Ausstellung, die schon im Vorfeld ebenso knallig wie seicht beworben wurde, ist eine Parade exzeptioneller Bildnisse in Malerei, Zeichnung, Skulptur und Medaillenkunst. Medaillen, die als Sammelgebiet heute kaum noch gepflegt werden, sind nicht nur Zeugnisse der Geschichte, sondern wurden zumeist auch von eminenten Künstlern wie Pisanello oder Niccolò Fiorentino geschaffen, was sie mit ihrem mehr oder minder ausgeprägten Relief zu Geschwistern der Skulptur macht.

Deutlich wird: Die Künstler konzentrieren sich gern auf Kopf und Brust der Dargestellten. Die Schau beginnt mit einem monumentalen Büstenreliquiar Donatellos aus dem Nationalmuseum Pisa, das nur ein Fantasiebildnis ist. Sie führt über die von Andrea del Verrocchio geschaffene Terracottabüste des Piero de’ Medici – auch sie ist mit dem reich verzierten Brustpanzer ein politisches Kultbild – bis zu drei Kinderbüsten des späten 15. Jahrhunderts mit markanter Physiognomie, deren Meister noch zu finden ist.

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