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11.03.2006

16:45 Uhr

Rezension

Meister im Unglücklichsein

VonDavid Selbach

Schluss mit Selbstmitleid und Depression: Autoren fordern Deutschland zu frischem Denken auf. Denn das sei nicht die Folge, sondern eine der Hauptursachen der ökonomischen Misere in diesem Land.

HB KÖLN. Die Deutschen neigen zur Verzagtheit. Auch wenn an den Karnevalstagen gelegentlich ein anderer Eindruck entsteht: Philosophisch betrachtet, ist für viele Menschen in diesem Land das Glas Bier eher halb leer denn halb voll.

In diesem Frühjahr nun nehmen sich Buchautoren dieses mentalen Phänomens an. Die hiesige Unfähigkeit, an die Zukunft zu glauben, ist für sie nicht die Folge einer ökonomischen Misere, sondern tatsächlich eine ihrer Hauptursachen.

Stephan Grünewald etwa hat Deutschland buchstäblich auf die Couch gelegt. Mit Hilfe von 20 000 Tiefeninterviews stellt der gelernte Psychoanalytiker eine deprimierende Diagnose: Wir sind zu cool geworden. Wir träumen davon, ewig jung zu sein, und bleiben doch nur unreife Kinder. Wir haben das bequeme Ideal der neunziger Jahre verinnerlicht, sind immer noch besoffen vom Boom der New Economy und erwarten Reichtum ohne Risiko. Gleichzeitig bleiben wir allen wirklichen Missionen gegenüber distanziert.

Grünewald nennt das unsere "Angst vor Visionen" - jeder leidenschaftliche Streiter für eine Sache könnte sich ja als neuer Hitler entpuppen. Für den Psychologen ein Verhängnis. "Der coole Mensch hat seine Leidenschaften abgelegt", schreibt Grünewald. "Für ihn gibt es kein gültiges Ziel mehr. Er kommt nicht von der Stelle, sondern rotiert in der endlosen Vielfalt gleichgültiger Glücksoptionen."

Das führe nicht nur dazu, dass viele Menschen ihr eigenes Leben als Zumutung empfinden und permanent auf das nächste Wochenende oder den Urlaub warten. Vor allem, schreibt er, delegieren die freiwillig Unmündigen alle Entscheidungen an die ferne Politik. Um sich dann nachher, wenn die Volksvertreter einen Entschluss gefasst haben, umso lauter zu beschweren.

Auch anerkannte Ökonomen kommen in ihren Büchern zunehmend auf die depressive Verstimmtheit der Deutschen zu sprechen. Der Münsteraner Volkswirt Ulrich van Suntum, der mit seinem "Masterplan Deutschland" ein umfassendes Reformkonzept vorgelegt hat, arbeitet sich explizit am Selbstmitleid der Deutschen ab.

Er bemüht für seine Diagnose das Bild vom "Kaninchen vor der Schlange". Die Deutschen verschließen demnach die Augen vor der Wirklichkeit und wollen nicht hören, was zu tun ist. Denn das würde ja Veränderung bedeuten. Van Suntums Therapie heißt: Deutschland muss einfacher werden. Einfachere Steuern, einfachere Verwaltung. Vielleicht genügt auch einfach die Fähigkeit zur Zuversicht.

Dass gerade die Menschen in Industrieländern trotz steigenden Wohlstands unzufrieden sind, hat unlängst der britische Ökonom Richard Layard in seinem Buch "Die glückliche Gesellschaft" festgestellt. Der Grenznutzen des Geldes sinkt eben. Doch im Vergleich zu den Vereinigten Staaten und Großbritannien sind die Deutschen absolute Meister im Unglücklichsein.

"Es scheint fast, als seien wir immun geworden gegen die kleinen Glücksmomente", schreibt auch der Psychologe Grünewald. "Das Leben ist stressiger, mühevoller, unerfüllter als gewünscht. Aber wir tun so, als sei das ein überwindbarer Übergangszustand und nicht das wirkliche Leben."

Für Christoph Keese hat diese Realitätsverweigerung mit mangelndem Verantwortungsgefühl zu tun. Er hat ein im Sinne von Grünewald uncooles Buch geschrieben. In fast anachronistisch wirkender moralischer Festigkeit und ohne Ironie schreibt er über Verantwortung, die er als die "glückliche Mitte zwischen Gesetz und Bedürfnis" bezeichnet.

Sein konservatives Traktat stellt nicht die Frage, wie sich ein Mensch am besten von Pflichten frei macht, um sich selbst zu verwirklichen. Das "Macht kaputt, was euch kaputtmacht" der Achtundsechziger ist für ihn die Wurzel des Übels. Keese fordert, was dem distanzierten Hedonisten von heute so widerlich erscheint: sich mit gesellschaftlichen Pflichten auseinander zu setzen.

Übersetzt heißt das: Es wird höchste Zeit, dass Deutschland und die Deutschen wieder von der Couch herunterkommen.

Stephan Grünewald: Deutschland auf der Couch, Campus Verlag, Frankfurt 2006, 220 Seiten, 19,90 Euro

Ulrich van Suntum: Masterplan Deutschland, Beck im dtv, München 2006, 148 Seiten, 14 Euro

Christoph Keese: Verantwortung jetzt, C. Bertelsmann, München 2006, 288 Seiten, 16 Euro

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