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12.02.2014

15:24 Uhr

Rezension „Nymphomaniac“

Viel Sex und doch kein Porno

VonMarcel Reich

Nackte Körper, stöhnende Menschen, Sex als Sucht: Ein Porno ist Lars von Triers neuer Film aber nicht. Es ist ein Manifest menschlicher Einsamkeit – in den einzelnen Bildern erotisch, als Gesamtwerk aber tief verstörend.

Geplante Entjungferung: Joe (Stacy Martin) hat dafür den örtlichen KFZ-Mechaniker (Shia LaBeouf) ausgesucht. Es ist der Beginn einer Sucht. dpa

Geplante Entjungferung: Joe (Stacy Martin) hat dafür den örtlichen KFZ-Mechaniker (Shia LaBeouf) ausgesucht. Es ist der Beginn einer Sucht.

Düsseldorf„Ich drehe einen Porno.“ Nachdem Lars von Trier vor knapp zwei Jahren seinen nächsten Film mit diesen Worten ankündigte, hätte er wohl auch den schwarzen Nachthimmel abfilmen können, und es wäre ein Erfolg geworden. Doch so leicht hat es sich der Meister der cineastischen Abgründe natürlich nicht gemacht. Sein neuestes Werk „Nymphomaniac“ strotzt nur so vor entblößten Genitalien und stöhnenden Menschen. Ein Porno ist es aber keineswegs – sondern ein Manifest der menschlichen Einsamkeit.

Die zuerst scheinbar voyeuristische Reise durch das Leben der Protagonistin Joe beginnt, als der alternde Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgård) sie zusammengeschlagen in einer dunklen Gasse findet. Er nimmt sie mit zu sich nach Hause, macht ihr einen Tee und hält sie warm. Die mittlerweile 50-Jährige öffnet sich, und erzählt dem alten Mann ihr Leben. Ihre Geschichte ist die einer Nymphomanin, immer auf der Suche nach dem nächsten Sex.

Joe erzählt von ihrer wenig romantischen Entjungferung durch den örtlichen KFZ-Mechaniker (Shia LaBeouf), den sie sich gezielt für den ersten Akt ausgesucht hat. Um Liebe ging es der jungen Joe, gespielt von Stacy Martin, schon damals nicht. Die extreme körperliche Erfahrung wird wie ein Geschäft abgehandelt. Es muss halt irgendwann sein.

Filme, in denen häufig das Wort „Fuck“ vorkommt

Fuck – eine Dokumentation über das Wort

Jahr: 2005

Gezählte „Fucks“: 857

Länge: 93 Minuten

Quote: 9,21 „Fucks“ pro Minute

Zitat: „Fuck off. It's such a lovely pair of words! And it's international. I don't care where you are – if somebody's fuckin' with your bags in Lhasa Airport in Tibet and he's got a shaven head and saffron clothes on and you say 'hey, fuck off!', he knows exactly what you mean. Exact – he will fuck off.“ („Verpiss dich. Es ist so ein entzückende Wortpaar! Und es ist international. Es kümmert mich nicht, wo du bist – wenn sich jemand im Lhasa-Flughafen in Tibet an deinen Taschen vergreift und er einen rasierten Kopf hat und ein Safran-Gewand trägt und du sagst 'Hey, verpiss dich!', weiß er genau, was du meinst. Exakt – er wird sich verpissen.“

The Wolf of Wall Street

Jahr: 2013

Gezählte „Fucks“: 569

Länge: 179 Minuten

Quote: 3,18 „Fucks“ pro Minute

Zitat: „Let me give you some legal advice: Shut the fuck up!“ („Lass mich dir einen Rat geben: Halt dein verdammtes Maul!“)

Summer of Sam

Jahr: 1999

Gezählte „Fucks“: 435

Länge: 142 Minuten

Quote: 3,06 „Fucks“ pro Minute

Zitat: „You want me to tell you how to fuck your husband?“ („Du willst, dass ich dir erkläre, wie du deinen Ehemann ficken sollst?“)

Casino

Jahr: 1995

Gezählte „Fucks“: 422

Länge: 178 Minuten

Quote: 2,4 „Fucks“ pro Minute

Zitat: „If you don't have my money for me, I'll crack your fuckin' head wide-open in front of everybody in the bank. And just about the time that I'm comin' out of jail, hopefully, you'll be coming out of your coma. And guess what? I'll split your fuckin' head open again. 'Cause I'm fuckin' stupid. I don't give a fuck about jail. That's my business. That's what I do.“ („Wenn Sie mir das Geld nicht zurückgeben, schlag ich Ihnen Ihre dicke Birne ein, vor allen Mitarbeitern der Bank. Und etwa zu der Zeit, wenn ich wieder aus dem Knast rauskomme, hoffentlich, erwachen Sie dann wieder aus Ihrem Koma. Und wissen Sie was? Dann hämmere ich Ihnen noch mal die Birne ein. Weil ich ein dummes Schwein bin, und ich scheiß was auf den Knast. Das ist mein Geschäft. Das ist, was ich tue.“)

Pulp Fiction

Jahr: 1994

Gezählte „Fucks“: 265

Länge: 154 Minuten

Quote: 1,72 „Fucks“ pro Minute

Zitat: „Well, I'm a mushroom-cloud-layin' motherfucker, motherfucker! Every time my fingers touch brain, I'm Superfly T.N.T., I'm the Guns of the Navarone! In fact, what the fuck am I doin' in the back? You're the motherfucker who should be on brain detail! We're fuckin' switchin'! I'm washin' the windows, and you're pickin' up this nigga's skull!“ („Ich bin eine verdammte Atompilzwolke, du Schmierbacke. Jedes Mal, wenn meine Finger Gehirn berühren, bin ich Super Fly T.N.T., werd ich zu den Kanonen von Navarone. Was zum Henker mach ich überhaupt hier hinten? Du bist der Wichser, der den Hirn-Sondereinsatz fahren sollte. Wir tauschen verdammt, ich putze die Scheiben und du sammelst das Gelee von dem Nigger auf!“)

The Big Lebowski

Jahr: 1998

Gezählte „Fucks“: 260

Länge: 117 Minuten

Quote: 2.22 „Fucks“ pro Minute

Zitat: „Fuck it, Dude. Let's go bowling.“ („Scheiß drauf, Kumpel. Lass uns bowlen gehen.“)

Mit einer Freundin gründet sie den Klub „Mea Vulva“. Einziges Mitgliedschaftskriterium: Man darf niemals zwei Mal Sex mit der gleichen Person haben – und Joe hält sich dran. „Nymphmaniac“ präsentiert dem Zuschauer Penisse und Vaginas in einer solchen Abfolge, bis er sich nicht mehr schämt auf die Kinoleinwand zu gucken. Dabei wird nichts ausgelassen: Homosexualität, Dreier und Sadomasochismus.

Ein Porno ist Lars von Triers Film aber dennoch nicht. Die expliziten Darstellungen werden begleitet von Kommentaren der alten Joe und ihrem Gespräch mit Seligman. Während der Zuschauer also einer Sexszene beiwohnt, erzählen sich die beiden etwas über die Fibonacci-Zahlen.

In einer anderen erfährt der Zuschauer aus dem Off, wie man sich beim Fliegenfischen am besten anstellen sollte. Den Sinn dahinter bringt Schauspieler Skarsgård gut auf den Punkt: „Dies ist keine Wichsvorlage, sondern so normal wie Essen.“

Was der Regisseur selbst von seinem Werk hält, verrät er keinem Journalisten mehr. Von Trier hat seit dem „Nazi-Skandal“ („Okay, ich bin ein Nazi“) bei den Filmfestspielen von Cannes 2011 keine Interviews mehr gegeben. Damals fühlte er sich auf einer Pressekonferenz in die Enge getrieben.

Sein „Okay, ich bin ein Nazi“ ging damals um die Welt. Auch bei der Deutschland-Premiere von „Nymphomaniac“ auf der Berlinale wird man vom Regisseur nichts hören. Beim Fototermin erschien er noch für die Presse-Meute – blieb danach aber stumm.

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