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05.08.2014

15:40 Uhr

Richard Avedon

US-Gesellschaft im Spiegel

VonSabine Spindler

Das Museum Brandhorst in München zeigt in der Ausstellung „Wandbilder und Porträts“ die weniger bekannte Seite des Modefotografen Richard Avedon. Beim Zustandekommen der Schau spielte auch die Gagosian Gallery in New York eine Rolle.

Richard Avedon: "Samuel Beckett, Schriftsteller, Paris, Frankreich, 13. April 1979", Silbergelatineabzug von 1993 aus der Sammlung Udo und Anette Brandhorst. Der charakteristische schwarze Rand ist auf diesem Ausschnitt nicht vollständig zu sehen. 2014 The Richard Avedon Foundation

Richard Avedon: "Samuel Beckett, Schriftsteller, Paris, Frankreich, 13. April 1979", Silbergelatineabzug von 1993 aus der Sammlung Udo und Anette Brandhorst. Der charakteristische schwarze Rand ist auf diesem Ausschnitt nicht vollständig zu sehen.

MünchenMit Modefotografien für Harper´s Bazar und Voque ist Richard Avedon weltberühmt und wohlhabend geworden. Aber das wahre Interesse des vor zehn Jahren verstorbenen Starfotografen galt den Menschenbildern, wie das Museum Brandhorst momentan in der groß angelegten Avedon-Schau „Wandbilder und Porträts“ vor Augen führt. Seine Bilder von Charlie Chaplin bis Robert Oppenheimer sind ein Querschnitt durch die Intellektuellen- und Künstlerszene im Amerika der 1960er- und 1970er Jahre.

Und mit seinen Arbeiter- und Landstreicherporträts der Serie „In the American West“ hat der 1923 in New York geborene auch ein politisches Statement abgegeben. Sein Stil dabei war immer derselbe. Er hat die Porträtierten ohne emblematisches Beiwerk vor eine Leinwand gestellt, distanziert und doch neugierig beobachtet, bis ein Teil der Maske fiel und der Blick nach innen sichtbar wurde.

Konkurrenz für die Maler

Die Trumpfkarte diese Ausstellung aber sind die überwältigenden Wandbilder. Ende der 1960er-Jahre wollte Avedon die gängige Porträtfotografie durchbrechen und wie die großen Maler des Barocks überdimensionale Gruppenbilder schaffen. Die zum Teil drei Meter hohen und zehn Meter breiten schwarzweißen Wandbilder  aus der Serie „Andy Warhol und Members of the Factory“. Sie gilt heut als einer der bedeutendsten Werkzyklen im Schaffen des New Yorker Fotografen.

Die Wucht der klaren, direkten Bildästhetik ist unausweichlich. Auf Wirkung bedacht und doch beiläufig stehen die Personen vor schneeweißem Hintergrund. Erst im Nachhinein sind sie die einzelnen Aufnahmen zu einem Polyptychon komponiert und überlebensgroß aufgeblasen.

Abgesang auf das konservative Amerika

In der Fotografie war diese Arbeitsweise zu der Zeit einmalig. Wie kaum eine andere Werkgruppe spiegelt dieser Zyklus den Zeitgeist der amerikanischen Gesellschaft um 1970 in nur vier Bildern wieder. „Allen Ginsberg´s family“ als Abgesang auf das konservative Amerika, „Andy Warhol and members of The Factory“ als provokativer Gegenkultur. Die hier aus Platzgründen nicht gezeigten „Chicago Seven“, sieben Antikriegsaktivisten, die in einem Schauprozess vorgeführt wurden, stehen für die linke Protestbewegung. Und schließlich sind die wie eine Mauer der Macht inszenierten Politiker und Militärs des operativen „Mission Council“ in Südvietnam nichts anderes als die Personifizierung einer der verwerflichsten US-Staatsdoktrinen. Zeitgleich zu diesem Bild hat Avedon die Opfer dieser Politik –napalmverbrannte Vietnamesen - fotografiert.

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