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10.08.2011

08:35 Uhr

Roches "Schoßgebete"

Viel mehr als nur Provokation

Charlotte Roche hat es wieder getan. Sie hat ein Buch geschrieben über ganz Privates - und natürlich über Sex. Auch wenn sie kein Blatt vor den Mund nimmt, steht das Körperliche diesmal nicht an erster Stelle.

MünchenIhr Debüt-Roman löste vor drei Jahren so etwas wie ein literarisches Erdbeben in Deutschland aus. „Feuchtgebiete“ über die sexuellen Fantasien einer 18-Jährigen sorgte wie kaum ein anderer Roman der jüngeren Geschichte für eine gesellschaftliche Debatte in deren Mittelpunkt Sex, Ekel und Hygiene-Wahn standen. Jetzt legt die 33-jährige Charlotte Roche nach - und macht doch alles ganz anders. Mit großer Spannung wurde ihr zweites Buch „Schoßgebete“ erwartet, das ab Mittwoch (10. August) im Handel zu haben ist. Einen neuen Tabubruch kündigte der Verlag Piper in München in einer ausgeklügelten Marketing-Strategie an. Die Erstauflage liegt bei 500.000 Exemplaren - ein Rekord für den Verlag.

Tabubruch ist sicher das falsche Etikett für „Schoßgebete“ - selbst wenn die gebürtige Britin auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Geschichte der (wie Roche) 33-jährigen Elizabeth Kiehl und ihres Mannes Georg und das, was die beiden in ihrem eigenen Bett und dem von Prostituierten so treiben, beschreibt die Autorin zwar in allen Details. Dabei überschreitet sie sicher auch immer wieder die Grenzen zur Pornografie. Aber das ist - ganz im Gegensatz zu den „Feuchtgebieten“ - nicht der Kern des Buches. Während Helene Memel, die Hauptfigur der „Feuchtgebiete“, vor allem ihren Hintern inspizierte, untersucht Elizabeth auf 288 Seiten ihre Seele, „die nicht vorhandene“.

„Schoßgebete“ ist keine bloße Aneinanderreihung von Provokationen, sondern das hervorragend geschriebene Porträt einer jungen Frau, die vor allem eins will: gefallen. Das Buch ist das Protokoll von drei ganz normalen Wochentagen im Leben dieser Frau. Elizabeth - zutiefst verunsichert, abergläubisch, ehemals magersüchtig und paranoid - will eine gute Mutter sein, eine Vorkämpferin für den Umweltschutz, die Lieblingspatientin ihrer Therapeutin - und eine Granate im Bett. Selbst für die hübschen Nutten, zu denen sie gemeinsam mit ihrem Mann immer wieder geht, weil ihm ein Dreier soviel Spaß bereitet, macht sie sich besonders schön. „Ich möchte so gerne einzigartig sein“, lässt Roche ihre Protagonistin sagen.

Dass in Elizabeth viel von ihr selbst steckt, daraus macht die Autorin keinen Hehl. Ihr Mann sei nach dem Lesen erst einmal „hinten rüber gefallen“, sagte Roche der Zeitschrift „Brigitte“. „Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen rein zufällig“ - das steht am Anfang des Buches. Sie müsse aufpassen, „dass es in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt noch eine Trennung gibt zwischen dieser Figur und der Autorin“, sagte Roche dem „Spiegel“.

Kommentare (1)

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EliasKL

10.08.2011, 13:19 Uhr

Ach, die Verlage und Literaturagenturen hatten ja so notgeil auf eine
Nachfolgerin des „Feuchtgebiete“-Pamphlets gewartet, das zuvor die
Kassen hatten klingeln lassen, doch vom Hegemädchen kam nur Abgeschriebenes. Und nun schon wieder ein "moderner" Roman, der unbedingt natürlich braucht: Sex, Sex Sex, Schmutz, Körperflüssigkeiten und Drogen. Sansation, Sansation, Sansation!! Da lob ich mir Autoren wie Marco Meng, die ihre Sachen dann lieber selbst herausgeben als sich der Kulturschickeria anzupassen.

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