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27.01.2006

14:35 Uhr

Salman Rushdie

Terror, Tod und leise Töne

VonKerstin Schneider

Die Frau im roten Pulli ist nervös. "Wenn jemand hier eine Bombe reinwürfe, da käme keiner mehr lebend raus." Es ist Abend, und die verwinkelte Villa am Berliner Wannsee, Heimat des Literarischen Colloquiums, kann die Gemeinde der Rushdie-Anhänger kaum fassen. In diesen Tagen reist der Schriftsteller durch die Republik, um seinen neuen Roman "Shalimar der Narr" vorzustellen.

HB BERLIN.Salman Rushdie, gegen den der iranische Ajatollah Khomeini vor siebzehn Jahren die "Fatwa" ausrief und ihn damit für vogelfrei erklärte, hängt der Nimbus des knapp Entronnenen an. Er ist der Überlebende eines Terrorkrieges, der noch immer andauert und jetzt andere trifft.

Sein Buch "Die satanischen Verse" brachte die selbst ernannten islamischen Gotteskrieger gegen ihn auf, die ihm vorwarfen, den Koran verunglimpft zu haben. Mit bösen Folgen: Sein norwegischer Verleger wurde fast ermordet, Terroristen legten Bomben in den Buchhandlungen, die sein Buch führten.

Doch während seine Schergen ihn jagten, schrieb er in wechselnden Verstecken unter anderem an dem Manuskript von "Shalimar der Narr". Es ist ein Roman über den Kaschmirkonflikt und den Krieg islamistischer Terroristen gegen den Westen. Vor allem aber ist es ein Liebesroman. Ein poetisches Meisterwerk, das die Welt von 1945 bis heute einfängt.

Denkbar unspektakulär bahnt sich der 58-Jährige an diesem Abend seinen Weg durch die gespannte Menge. Er spricht nicht gern darüber, wie die "Fatwa" der Ajatollahs seine Person verändert habe. Viel lieber erzählt er von der Hauptfigur Shalimar, der aus Liebe zum Terroristen wird und zum Mörder. Der Roman ist eine Reise zu den Wurzeln des Autors, dessen Großeltern aus Kaschmir stammten.

"Der Terrorist ist ein verliebter Clown", sagt Rushdie. Eine gewagte Konstruktion. Politisch ist der Roman dennoch. Rushdie erzählt vom Afghanistan-Krieg und von den Konfliktparteien in Kaschmir. Er schreibt, wie sich das Land grundlegend verändert habe, als umherziehende Mullahs die Dorfbewohner für ihre Lehre vom reinen Islam gewinnen wollten und das Miteinander von Muslims und Hindus störten. Psychologisch sehr präzise denkt er sich in die Gedankenwelt des Terroristen Shalimar hinein.

"Immer dann, wenn man eine Kultur glorifiziert, müssen einige Leute sterben", sagt er. Er selbst wisse erst nach den Jahren der Verfolgung, was Freiheit bedeutet. Er habe über die Werte nachgedacht, für die er eintrete, nachdem er sich als Satiriker früher hauptsächlich gegen etwas eingesetzt habe. "Meine Freunde sagen, dass jetzt eine gewisse Leichtigkeit zu mir zurückkommt." Die Frau im roten Pulli fotografiert ihn dennoch unablässig - ganz so, als traue sie dem vermeintlichen Frieden nicht und wolle zumindest ein Bild von dieser Symbolfigur mit nach Hause nehmen.

SALMAN RUSHDIE: Shalimar der Narr Rowohlt Verlag, Reinbek 2006, 542 Seiten, 22,90 Euro

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