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20.06.2011

16:37 Uhr

Sammlung Evill/Frost

Schrulliger Brite stößt Henry Moore vom Thron

VonMatthias Thibaut

Bei Sotheby’s ließ sich die marktfrische Kunst klassischer Engländer restlos absetzen. Furore machten vor allem die exzentrischen Bilder Stanley Spencers.

Sir Stanley Spencers "Sonnenblumen- und Hunde-Anbetung" von 1937 machte Preiskarriere.(Ausschnitt) Quelle: Sotheby's

Sir Stanley Spencers "Sonnenblumen- und Hunde-Anbetung" von 1937 machte Preiskarriere.(Ausschnitt)

Eine „white glove Auktion“, bei der alles ohne Rückgang versteigert wird und der Auktionator zum Schluss ein paar weiße Handschuhe erhält, ist selten genug. Gleich drei hintereinander ist fast ein Wunder; so geschehen bei Sotheby’s in den drei Teilauktionen der Sammlung „Evill/Frost“ am 15 und 16. Juni. Niemand war aber überrascht über den 42 Millionen Pfund-Umsatz (umgerechnet 48 Millionen Euro), die elf Rekordpreise für britische Künstler des 20. Jahrhunderts und die Millionenpreise für die Ausnahmemalerei des exzentrischen Stanley Spencers. Man wusste, dass diese Sammlung etwas Besonderes war.

Immer wieder zeigt die Auktionsgeschichte, dass exzeptionelles und auktionsfrisches Material den Markt bewegt. Erst im Februar wurde im gleichen Saal die Genfer Sammlung Kostalitz, anonym unter dem Titel „Looking Closely“ versteigert und wirbelte die Preise auf. Der Rekordpreis von 13,5 Millionen Pfund für Salvador Dalis kleines Paul Eluard-Porträt gehörte zu den Höhepunkten. Ähnliches gab es vor einem Jahr bei der Zero-Sammlung Lenz und übernächste Woche könnte die Versteigerung deutscher Kunst der 1960er Jahre aus der Sammlung von Graf Christian Dürckheim mit prägenden Frühwerken von Baselitz, Polke und Richter ähnliche Furore machen (29./30. Juni bei Sotheby’s).

Vermächtnis einer Taucherin

Die Sammlung Evill/Frost führte an noch entferntere Quellen. Hier kam Kunst auf den Markt, die der Rechtsanwalt Wilfrid Evill teilweise schon in den dreißiger Jahren kaufte und die seit fast 50 Jahren nicht mehr gesehen wurde. Er war ein treuer Sammler von Malern wie Graham Sutherland, Edward Burra, natürlich Stanley Spencer und von Bildhauern wie Leon Underwood, Barbara Hepworth und Henry Moore. Noch den jungen Lucien Freud kaufte der Unermüdliche, nicht  zu Schnäppchenpreisen, sondern spendabel fördernd. Nach seinem Tod 1963 ging sein Nachlass an seine Mündel Honor Frost, die alles pietätvoll bewahrte. Erst war sie Kuratorin der Tate Gallery, dann machte sie sich als Meeresarchäologin und Taucherin einen Namen. Unter anderem ist sie durch eine Typologie antiker Steinanker bekannt geworden. Ihr Vermächtnis soll nun der Antikenforschung am Meeresboden zugute kommen, die eine solche Finanzspritze wohl lange nicht gesehen hat.

Lucien Freuds "Boy on Sofa" von 1944 war ein Einbrecher, den er zur Vergeltung Porträt sitzen ließ (Ausschnitt). Quelle: Sotheby's

Lucien Freuds "Boy on Sofa" von 1944 war ein Einbrecher, den er zur Vergeltung Porträt sitzen ließ (Ausschnitt).

Von 15 auf 2,6 Millionen Pfund

Im vollbesetzten großen Saal wurde ein Rekordpreis für eine Papierarbeit von Lucien Freud erzielt. „Beach Scene with Boat“ von 1945, die Evill 1946 in der Galerie Reid & Lefevre für 15 Pfund erstanden hatte, brachte nun 2,6 Millionen Pfund. Henry Moores Mutter- und Kind-Bronze „Rocking Chair“  verdoppelte die Schätzung auf 2,5 Millionen Pfund. Eine der für Francis Bacon einflussreichen „Kreuzigungen“ von Graham Sutherland vervierfachte die Taxe auf den Rekordpreis von 713.250 Pfund. Außerdem gab es Künstlerrekorde für William Roberts, Leon Underwood, Edward Burra (2 Millionen Pfund) und Patrick Heron (1 Million Pfund).

Mit Hündchen im Pool

Fundament der Sammlung war aber Stanley Spencer (1891-1959). Während seine kommerziellen Blumenstillleben und Porträts nicht so selten und weniger gesucht sind, kommen habhafte Spencer-Gemälde, in denen sich der religiöse, naturmystische Panerotismus des Exzentrikers manifestiert, selten auf den Mark. Dass Christie’s erst im Mai für eine „Kreuzigung“ von 1934 einen Auktionsrekord von 2 Millionen Pfund aufstellte, war eine zufällige Ouvertüre. Gleich mit dem ersten Spencer-Los wurde er nun verdoppelt.

Für „Workmen in the House“ von 1935 zahlte ein per Handy instruierter Agent in der ersten Reihe brutto 4,7 Millionen Pfund (5,4 Millionen Euro).  Beim folgenden mondänen „Bathing Pools“ – Damen im Badekostüm mit Hündchen – schaltete sich Richard Nagy in den Kampf ein, der mit Schiele und deutscher Neusachlichkeit handelt und für seine Sammler immer auch auf Ausschau nach Spencer ist. Er blieb bei einem Zuschlag von 4,2 Millionen Pfund der Unterbieter und musste sich dann auch bei den anderen Versuchen dieses Abends geschlagen geben, auch beim Toplos des Abends, „Sunflower and Dog Worrship“, einem der lebhaftesten und schrulligsten Spencer-Gemälde überhaupt. Es kostete trotz des mit 70 x 107 cm relativ bescheidenen Formats 5,4 Millionen Pfund.

Ekstatische Vereinigung

Auch in dieser Orgie universaler Weltharmonie spielen Hunde, für Spencer Inbegriff ungenierter Freiheit, die tragende Rolle. Im Mittelpunkt stehen aber zwei Personen, die sich ekstatisch mit Sonnenblumen vereinigen. Ironisch, dass dies einer von Evills billigsten Spencers war. Nach seiner Entstehung 1937 verpasste er das Bild und erwarb es 1963 für 100 Pfund. Seine teuerste Spencer-Erwerbung, das 1960 für 500 Pfund ersteigerte Triptychon „Cutting The Cloth“ aus einer Serie, die das Lob des Handwerks singt, war das einzige, das mit 2,4 Millionen Pfund im Rahmen der Schätzung blieb.

Fazit: Die Marktstärke britischer Kunst hat sich glänzend bewiesen. Sie besteht keineswegs nur aus den Großpreisen für Francis Bacon und Lucien Freud. Auch andere Briten werden international auf breiter Basis gesammelt. Stanley Spencer liegt preislich nun gleichauf mit Lowry, dem anderen britischen Einzelgänger. Er erzielte im Mai einen 5,6 Millionen Pfund Rekordpreis. Spencer und Lowry haben den Altmeister der britischen Moderne, Henry Moore, preislich überflügelt.

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