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21.07.2017

08:12 Uhr

Sammlung Morosow

Verschiebung der Macht

VonSusanne Schreiber

Wer heute Raritäten ausstellen möchte, bedarf eines üppigen Budgets. Die Fondation Louis Vuitton verfügt darüber und wird 2020 die Sammlung der Brüder Michail und Iwan Morosow aus Russland nach Paris bringen.

Susanne Schreiber

DüsseldorfHinter uns liegt ein fundamentaler Paradigmenwechsel. Der ist nicht zu beklagen, sondern zu konstatieren. Im 20. Jahrhundert waren es die staatlichen Museen, die sensationelle, Augen öffnende Ausstellungen ermöglicht haben. Kraft Ihrer wissenschaftlichen Beziehungen und vorbildlichen Infrastruktur erschlossen nationale Leitmuseen weiße Flecken auf der Landkarte der Kunstfreunde. Den Goldschatz der Skythen etwa oder die Bilder der russischen Moderne-Sammler Schtschukin und Morosow aus Moskau und Sankt Petersburg.

Kurz nach Fall des Eisernen Vorhangs, 1993 gab das Museum Folkwang in Essen erstmals in Deutschland Einblick in zwei legendäre Privatsammlungen, die das Publikum das Staunen lehren sollten. Sergej Schtschukin und die Brüder Michail und Iwan Morosow hatten zunächst bedeutende Sammlungen russischer Zeitgenossen zusammengetragen. In den 1890er-Jahren entdeckten sie den französischen Impressionismus und Nachimpressionismus, den sie förderten, als diese Kunstrichtungen noch weitgehend umstritten waren.

Staatliche Museen sind ausgeblutet

Im 21. Jahrhundert sind die meisten staatlichen Museen finanziell und personell ausgeblutet. Neue Player und Konkurrenten um die Gunst des Massenpublikums sind die Stiftungen superreicher Privatsammler. Sie verfügen über satte Budgets und spektakuläre Museumsbauten. Jetzt übernimmt das gut ausgestattete Privatmuseum des Luxusgüter-Unternehmers und Milliardärs Bernard Arnault (Dior, LVMH Moet Hennessy) die Rolle, die einst die staatlichen Museen als Augenöffner und Wegbereiter hatten.

Diese Woche hat Arnaults Fondation Louis Vuitton angekündigt, dass sie ein Erfolgsmodell fortsetzen werde. Nachdem 2016/17 1,2 Millionen Menschen eine Auswahl aus der Impressionisten-Sammlung Schtschukin gesehen hatten, kommen 2020 Teil der Sammlung der Morosow-Brüder nach Paris in den Prachtbau von Frank Gehry am Bois de Boulogne.

Auguste Renoirs außerordentliches Bildnis der „Jeanne Samary“ aus der Sammlung Morosow. Fondation Louis Vuitton

Gefiel dem sammelnden Dandy

Auguste Renoirs außerordentliches Bildnis der „Jeanne Samary“ aus der Sammlung Morosow.

Die Essener Ausstellung wäre 1993 nicht gelungen, wenn das Folkwang Museum in der Ruhrgas AG nicht einen finanziell potenten und in Russland als Kulturförderer bestens bekannten Partner gehabt hätte. Doch die wissenschaftliche Ausstellungskonzeption, Leihanfragen, Logistik und Katalog oblagen dem für seine Sammlung der Klassischen Moderne weltberühmten Folkwang Museum. Mit der Leitfunktion der Privatsammlungen verlagert sich der Schwerpunkt von der Forschung auf das Marketing.

Für wen wird die Fondation Louis Vuitton die Werbetrommel rühren? Einer der besten Kenner, Albert Kostenewitsch, beschreibt sie im Essener Katalog als Nachkommen eines mächtigen Handels- und Industriellenclans, der am Vorabend des Ersten Weltkriegs 54.000 Arbeiter in Lohn und Brot hatte. Michail Morosow (1870-1903) war „Historiker, Journalist, Romancier, Prasser und Dandy, der die elterlichen Millionen schon mit 21 Jahren geerbt hatte.“ Er erwarb Bilder von Manet, Degas, Monet und Renoir. Dessen außerordentliches Bildnis der „Jeanne Samary“ gilt als Meisterwerk und ist das einzige Foto, das diese Woche freigegeben wurde. Auch den Nachimpressionisten Paul Gauguin und Vincent van Gogh galt sein Interesse. Laut Kostenewitsch hat er Gauguin noch vor dem befreundeten Konkurrenten Schtschukin entdeckt.

Die Familie Morosow, Ende des 18. Jahrhunderts noch Leibeigene, zeigte sich bei ihrem rasanten gesellschaftlichen Aufstieg an die Spitze stets als Wohltäterin und Mäzenin. Iwan Morosow (1871-1921) bekam als Kind Zeichenunterricht und war schon im Elternhaus von Künsten umgeben. Er war es, der in der Galerie Vollard Picassos „Umgepflügte Erde“ erwarb. Sein erster Monet war „Waterloo Bridge“; von Paul Cézanne trug er 18 Gemälde zusammen. Ansichten vom (Nacht-)Café in Arles besaß Iwan Morosow in den Gemälden von van Gogh und Gauguin. Ins Atelier von Matisse führt ihn Sergej Schuschukin, der 1910 die ungestümere Version von „La Danse“ erwarb und damit die Bourgeoisie nicht nur in Russland zu schockieren wusste. Die erste, etwas ruhigere Version von „La Danse“ gehört übrigens dem MoMA, New York.

Noch ist unbekannt, wie viele und welche Werke der Morosow-Sammlungen die Museen in Moskau und Sankt Petersburg verlassen werden. Doch schon jetzt ist klar, dass sich wieder Heerscharen von Besuchern in das schiffsartige Museum der Fondation Louis Vuitton zwängen werden. Glücklich, wer da vor oder nach den Öffnungszeiten als VIP oder Geschäftskunde Einlass erhält.

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