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29.11.2011

06:51 Uhr

Schloss Ahlden

Den Fang in die Hose gesteckt

VonChristiane Fricke

Figürliches Meissen-Porzellan krönt die Dezember-Auktion von Schloss Ahlden. Die Werke decken alle wichtigen Perioden aus der Frühzeit der Porzellanherstellung ab. Zu den Top-Stücken gehört ein flirtendes Paar und ein betrunkener Fischer.

Pantalone und Colombine, Entwurf Johann Joachim Kaendler. Meissen, um 1740. (Ausschnitt) Schloss Ahlden

Pantalone und Colombine, Entwurf Johann Joachim Kaendler. Meissen, um 1740. (Ausschnitt)

DüsseldorfDer Bettler ist nicht schön anzusehen. Er hat schmutzige Hände, lange, strähnige schwarz-graue Haare und ist mit einer zerschlissenen Kniebundhose bekleidet. Seine Drehleier, die ihm auf den Knien liegt, spielt er mit beiden Händen. Er gehörte weiß Gott nicht zum Personal, das am Hofe August des Starken (1670-1733) und seines Sohnes im Trend lag. Dasselbe gilt für den betrunkenen Fischer, der sich leicht derangiert seinen Fang ins offene Hemd zu stecken versucht. Einen Fisch hat er bereits im Hosenschlitz verstaut, wo er mit Flosse und Maul herausschaut. Für Johann Joachim Kaendler, einen der fähigsten Bildhauer, den die königliche Porzellanmanufaktur Meissen beschäftigte, stellten solche Charaktertypen eine Herausforderung dar und für seinen Auftraggeber war ihr Besitz eine Prestigeangelegenheit.

Zyklus der Marktschreier

32.000 Euro hat die Porzellan-Expertin von Schloss Ahlden, Gisela Kosa, für den Fischer als Schätzpreis angesetzt, für den Bettler erwartet sie 5.800 Euro, so viel wie für den „Bauer mit Weinhütte“. Die drei um 1740 geschaffenen Figuren sind nicht die einzigen Highlights, mit denen Schloss Ahlden am 3. Dezember seine Porzellan-Offerte krönt.

Der Fang des betrunkenen Fischers, Meissen, um 1740. (Ausschnitt) Schloss Ahlden

Der Fang des betrunkenen Fischers, Meissen, um 1740. (Ausschnitt)

Spitzenlos der umfangreich bestückten Tranche Meissener Porzellanplastik ist das miteinander flirtende Paar „Pantalone und Colombine“, das auf 65.000 Euro kommt. Etwas später, um 1745 und 1750 entstand der umfangreiche Marktschreier-Zyklus „Cri de Paris, aus dem Schloss Ahlden vier Figuren anbieten kann, darunter einen Landkarten- und eine Rettichverkäuferin zu 7.500 und 6.800 Euro.

Kaendlers Blick auf die Soldaten

Reiter und Soldaten rückten um 1750 ins Blickfeld des Bildhauers. Dass sich Kaendler für die Ausformung von Reiterstandbildern interessierte, bezeugt ein „Husar zu Pferde“, den Gisela Kosa auf 48.000 Euro geschätzt hat. Soldaten wie der sächsischer Grenadier oder der kursächsische Dragoner kamen damals durch die politischen Entwicklungen ins Spiel (je 38.000).

Um 1730 datieren diverse Services mit erzählfreudigen Hoeroldt-Chinoiserien. Koppchen (Teeschalen), Schalen und Kanne tragen feinste figürliche Chinoiserien in polychromer Malerei auf der Wandung und Innenrandbordüren mit Goldspitzendekor (2.400 bis 6.800 Euro). Fünf Jahre früher lagen fein radierte Goldmalereien auf weißem Böttger-Porzellan im Trend, dem Vorläufer des wenig später erfundenen Porzellans. Produziert wurde damals noch in Augsburg und Meissen.

Friedrich Kallmorgen (1856-1924): "Die betenden Kinder", 1890. (Ausschnitt) Schloss Ahlden

Friedrich Kallmorgen (1856-1924): "Die betenden Kinder", 1890. (Ausschnitt)

Die Preise für herausragende Meissen-Porzellane haben in den letzten fünf Jahren unerwartete Preissprünge gemacht. Parallel dazu stieg die Wertschätzung für die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Das war für viele Sammler und Erben aus Europa bis Amerika offenbar Grund genug, in dem norddeutschen Auktionshaus einzuliefern. Insgesamt kommen mit der diesmal stark bestückten Porzellan-Offerte 2134 Lose zum Aufruf, darunter zwei interessante Gemälde aus der Mitte und dem späten 19. Jahrhundert. Für die fein lasierte "Nächtliche Marktszene im Mondschein und Kerzenlicht" von Petrus van Schendels (1851) werden 85.000 Euro erwartet. Ein Hauptwerk des Zeitgenossen von Max Liebermann, Friedrich Kallmorgen, "Die betenden Kinder" (1890) ist mit 12.000 Euro angesetzt.

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